Der folgende Aufatz wurde 1932 in der "Frankfurter Zeitung" veröffentlicht. Autorin war Frau Dr. Ria Volland, sie war mit D. Volland, dem Direktor der Fabrik für chemische Produkte, vormals H. Scheidemantel, in Schierstein am Rhein verheiratet. Das Ehepaar wohnte in Niederwalluf, Schöne Aussicht Nummer 14. Wahrscheinlich war Ria Volland in 1. Ehe mit dem Reichsbahnmoberamtsrad Philipp Kahm verheiratet und eine Tochter des Jean Hofmann aus Wöllstein in Rheinhessen, der das Haus Schöne Aussicht 14 im Jahre 1907 von einem Architekt Kahm erbauen ließ:

2000 Jahre Siedlung am Rhein

Bedeutsame Ausgrabungen in Niederwalluf

von
Ria Volland


Wenn man früher von Schierstein nach Niederwalluf durch die blühenden Rheinwiesen wanderte, die durch kleine Wildnisreste von baumhohen Schilfdickicht um algenbewachsene Tümpel und silbriges Weidengebüsch allerhand Wasservögeln willkommenen Unterschlupf boten, erblickte man rechterhand zwischen Äckern und Obstbäumen ein altes graues Gemäuer: die Ruine der einstigen Johanniskirche. Hollunder und Efeu umwucherten die Mauern, die wenig beachtet wurden. Wer sich die Mühe nahm, die nähere Umgebung zu besichtigen, fand einige Meter weiter einen steinigen Hügel, moosüberwachsen und heckenrosenüberdacht.

Reste alter Kulturen
Äcker wurden bestellt, Obstbäume blühten und trugen reiche Frucht, die Menschen ernteten, was die rheinische Erde ihnen trug, ohne daran zu denken, daß in ihrem dunklen Schoß die Reste alter Kulturen ruhten, jahrtausend alte Zeugen der Vergangenheit. Nun man hineinsieht in das Geheimnis der Erde, das sie so lange festhielt, blättert man wie in einem Bilderbuch der Geschichte, wenn uns einer, der die Zeichen versteht, dieses Buch ausdeutet.
Als Bürgermeister Spiegelhalter von Niederwalluf im vergangenen Winter die Grabungen beginnen ließ, fachmännisch beraten von Museumsdirektor Dr. Kutsch, Wiesbaden, ahnten die Herren nicht, daß sie auf solch wichtige und interessante Funde stoßen würden. Es genügte allerdings nicht der einfache Zauberspruch des Märchens "Sesam öffne dich!", es erforderte monatelange Arbeit und Geduld, bis die Erde ihre Schätze hergab. Diese bestanden zwar nicht aus Gold und Silber, aber ihr Wert ist für die Wissenschaft ungeheuer groß. Die neuen Ausgrabungen ergeben schon jetzt ein klares Bild von der Geschichte der Siedlung.

Ein Stück rheinischer Menschheitsgeschichte
Durch zahlreiche Funde aus vorchristlicher Zeit (aus der älteren und jüngeren Eisenzeit), sowie aus nachchristlichen Jahrhundert wurde erwiesen, daß Niederwalluf seit 400 v. Chr. ununterbrochen besiedelt war. Doch lag an der erwähnten Stelle nicht das ursprüngliche Fischerdörfchen, wie man früher annahm, dessen Bewohner sich nur aus Sicherheitsgründen hinter das Rheingauer "Gebück" zurück gezogen hätten, sondern diese Siedlung bestand selbstständig. Primitive Wohngruben, um das Jahr 400 v. Chr angelegt, mit Schalen und Gefäßen aus der La-Tene-Zeit zeugen von nachweislich ersten germanischen Siedlern, die am sumpfigen und waldigen Stromufer ein kampfreiches Dasein führten. Die römischen Eroberer, die sich ums Jahr 83 n. Chr. Von Mainz aus in Bewegung setzten, aus Mainz, Trier und Köln durch ihre überlegene Kultur kunstreiche Städte schufen, fanden die kleine Siedlung günstig genug, um Söldner als Kolonisten zurück zu lassen. Einzelne römische Scherben aus den ersten vier Jahrhunderten erzählen von der fortgeschrittenen Kultur, die ihre neuen Nachbarn wohl willig annahmen. Diese Kolonisten mögen sich sesshaft gemacht, Töchter des Landes geheiratet und so dem Ansturm der Alemannen und Franken keinen ernsthaften Widerstand entgegen gesetzt haben.
Es kam "die satanische Zeit, als die gelbmähnigen Könige der Merowinger, den Purpurmantel des byzantinischen Konsuls um die Schultern, auf vierspännigen Ochsenwagen durch die Lande fuhren", die heilige Balthildis im weißen Segelschiff den Rhein hinauf zog, um ihren schwergeprüften Land die Gaben ihres Gemahls, des Frankenkönigs Chlodwig II. im Kloster von Chelles Buße zu tun. Die Bewohner der merowingischen Pfostenhäuser aus dem 6. und 7. Jahrhundert mögen wechselvolle Schicksale erlebt haben. Gleich neben der Stätte wo sie gelebt, wählten die Bewohner auch ihre Gräber.

Weiter blättert man im Buch der Geschichte. Aus der karolingischen Zeit fanden sich Scherben und ein Erdwall mit Graben. "Villa Waldaffa" gehörte nun, zur Zeit Karls des Großen, zum Königssondergau und war Eigentum des Königs. Die erste Urkunde taucht auf: 834 wird an das größte Kloster der Karolinger, an Lorsch, ein Gelände in Villa Waldaffa, das Königsgut gestiftet. Da der Platz außerhalb des schützenden Rheingauer Gebücks lag, wurden im 9. Jahrhundert Wall und Graben angelegt. Doch war dem Rheingau vorerst eine friedliche Zeit beschieden. Rhabanus Maurus wirkte in Winkel, der Weinbau begann und erforderte viel Pflege, die Bewohner mehrten sich und gingen daran, sich eine einfache Kirche zu bauen, bestehend aus einem kleinem Rechteck mit quadratischem Chor. Gleichzeitig mit der Kirche entstanden ein Burgenturm (dessen Fuß heute noch steht), Zwinger, Graben und Schmelzöfen, eine ähnliche Anlage aus ottonischer Zeit, wie sie sich in Dorndorf im Westerwald und in Dreieichenhain befinden. Später gliederten die Bewohner des Turmes ihrer düsteren Unterkunft einen romanischen Wohnbau an, der ihre gesteigerten Ansprüche zeigt.

Zur Zeit der Hl. Hildegardis
Ein neuer Hauch der Frömmigkeit durchwehte das rheinische Land, als Hildegardis von Bingen ihre Visionen verkündet und der Einfluss der Eberbacher Mönche weit über den Rheingau hinauswuchs. Um diese Zeit mag auch den Bewohnern der Wallufer Siedlung ihre Kirche zu arm und klein erschienen sein für ihre neue Gottbegeisterung. So wurde die Kapelle durch einen romanischen Anbau vergrößert, ein rundbogiger Durchbruch geschaffen und ein Seitenschiff angesetzt. Einen romanischen Taufstein aus dem 12. Jahrhundert fand man jetzt im Zwinger. Doch konnten sich ihre Bewohner nicht lange ihres Werkes freuen, denn Feuer vernichtete anscheinend ziemlich bald nach der Vollendung den größten Teil der Kirche. Mit Benutzung der verschonten Reste und Steinen des alten Turmes wurde im 14. Jahrhundert ein gotischer Kirchenneubau mit Wandmalereien geschaffen, dessen Fenster um 1500 erneuert wurden. Die Umfassungsmauern der Kirche stehen noch, man erkennt Reste von Wandmalereien und verbranntes Steinwerk. An der Stelle des Altars fand man eine Augustusmünze mit dem Lyoner Altar, darüber geritzt ein Kreuz, zum Zeichen, daß der Besitzer die heidnische Münze der christlichen Kirche opferte.

Die verschiedenen Belagerungen des Rheingaus, die Nöte des 30jährigen Krieges, die andere Orte außerhalb des Gebücks vernichteten und denen auch die Burg Glimmenthal auf dem Waldberge oberhalb Wallufs zum Opfer fiel, vermochten nicht den zählebigen kleinen Ort ganz zu zerstören. Wie es meist bei solch alten Siedlungen der Fall ist, wurden neue Wohnstätten über denen der versunkenen Geschlechter errichtet. So fand man hier über dem merowingischen Pfostenhaus einen spätmittelalterlichen Bau. Aus dem 16. und 17. Jahrhundert grub man Beinhaus und Friedhofsmauer aus. Um diese Zeit scheint die Siedlung allmählich zu zerfallen.

Die Grabungen sollen fortgesetzt werden
Zufällig fand man im Mainzer Museum eine Zeichnung aus dem 18. Jahrhundert, die in romantischer Weise die Kapelle, die damals noch einen Teil des Daches aufwies, und den grünumsponnenen Turm zeigt. Goethe erwähnt von seiner Rheinreise im August 1814 die "Capellenruine, die auf grüner Matte ihre mit Epheu begrünten Mauern wunderschön reinlich, einfach und angenehm erhebt", der Turm scheint also schon damals zerfallen gewesen zu sein. Es ist anzunehmen, daß an dem Fundort noch mehr zu entdecken ist, da ein Querschnitt durch das Gelände bereits einiges ergab. Im Herbst sollen die Grabungen fortgesetzt werden, und man hofft noch einen römischen Burgos zu finden, wie sie am Rhein öfters neben den Täuferkirchen, z.B. in Niederlahnstein, entdeckt wurden.

Eine sichere Richtschnur für die Datierungen bildeten die reichen Keramikfunde aus der Römerzeit, der Gotik, der Renaissance und noch späterer Zeit, von denen die aus dem 11. Jahrhundert stammenden von ganz besonderem wissenschaftlichem Wert sind, da Funde aus dieser Zeit äußerst selten sind. Man wird diese Epoche in der Archäologie wahrscheinlich als "Niederwallufer Kunst" bezeichnen. Dr. Kutsch wird über das Gesamtmaterial und die wissenschaftlichen Details bei der archäologischen Tagung in Stuttgart berichten.
Durch diese Funde ist nicht nur unsere Heimatgeschichte, sondern die gesamte archäologische Wissenschaft um sehr wertvolle Entdeckungen bereichert, denn es gibt wenig Plätze, deren Entwicklungsgeschichte in solch lückenloser Folge über eine Zeitspanne von 2000 Jahren nachgewiesen werden kann.

Ria Volland veröffentlichte auch diesen (undatierten, wohl in der "Frankfurter Zeitung" erschienen) Artikel zur Geschichte Oberwallufs:

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©Norbert Michel, 2007