Der Stadioner Hof - die Geschichte eines Niederwallufer Hauses

Erstveröffentlichung in "Beiträge zur Wallufer Ortsgeschichte" Heft 2, 1997

© Norbert Michel

"Kirchstraße 10. Ausgedehnte Anlage mit späteren, entstellenden Veränderungen. An der Straße stattlicher Wohnbau von 11 Achsen. Erdgeschoß massiv, Obergeschoß verputztes Fachwerk, Satteldach. Obergeschoßfenster mit Segmentbogen. Rundbogige Durchfahrt, darüber Allianzwappen, von Löwen gehalten, rechts Stadion, links unbekannt. Anfang 18. Jh. - Im rechten Winkel anschließend 2 Wirtschaftsflügel, teilweise zu Wohnungen umgebaut. Im nördlichen Flügel barocke Türöffnung mit gedrücktem Rundbogen. Das rückwärtig abschließende Gebäude von 1911."

So lautet die Beschreibung des Stadioner Hofes in dem von Hans Feldtkeller 1965 herausgegebenen Buch "Der Rheingaukreis", aus der Reihe "Die Kunstdenkmäler des Landes Hessen".

1926 erschien in der Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen der Sängervereinigung Niederwalluf wohl zum ersten Mal eine größere Abhandlung zur Geschichte des Ortes. Verfasser war August Heinrich Meuer, von ihm erschien 1930 eine ausführliche Geschichte unseres Nachbarortes Frauenstein. In seiner Niederwallufer Chronik unterlief Meuer allerdings ein gravierender Fehler. Er verwechselte die Geschichte des Adelshofes in der Haselnußgasse 9, dem Schlief`s Hof, mit der des Anwesens Kirchgasse 10, der sogenannten Kaserne. Während der Hof in der Haselnußgasse schon vor 1300 genannt wird, beginnt die Geschichte des Stadioner Hofes erst Ende des 17. Jahrhunderts. Meuers Fehler wurde leider von allen, die sich mit der Geschichte Niederwallufs befaßten, übernommen.

Um den Fehler auszutilgen zuerst Meuers Geschichte: "Nachstehend einige Nachrichten über die in Niederwalluf angesessenen Adeligen. Ein eigenes Adelsgeschlecht von Waldaffe, das am Mainzer Kurhofe bedienstet, tritt hier in den Jahren 1130 bis 1228 auf. Im Jahre 1184 machte ein Ritter Anselm von Waldaff dem Kloster Eberbach eine gegenüber von Walluf gelegene Rheinaue streitig.

Diesem Geschlecht gehörte möglicherweise schon jener Hof, den Ulrich von Bickenbach 1331 besaß, welcher mit dessen Tochter und von diesem im Jahre 1331 an den Ritter Henne von Wiesbaden gegeben ward. Dann hatten ihn die Ritter von Lindau in Besitz. Durch Heirat einer Elisabeth von Lindau ist er dann nach der Mitte des 16. Jahrhunderts an Melchior von Grorod gekommen. Nach dem Erlöschen dieser Familie im Mannesstamm kam er 1647 durch Teilung der Grorod`schen Güter an die älteste Tochter Maria Sidonia, welche einen Freiherrn Knebel von Katzenelnbogen geheiratet hatte, und weiterhin an dessen Schwiegersohn, den Kurmainzer Geheimrat Johann Friedrich von Bettendorf, der 1719 zu Niederwalluf verstarb und in der dortigen Pfarrkirche begraben liegt."

Soweit ist die Geschichte richtig, allerdings nicht für das Anwesen in der Kirchgasse, sondern für den Hof in der Haselnußgasse!

Meuer schreibt weiter: "Von der Familie von Bettendorf erwarb den Hof der Kurmainzer Hof- und Regierungsrat Graf Joh. Phil. Hugo von Stadion, der mit der Freiin Maria Schenk von Stauffenberg verehelicht und deren beider stattliches Heiratswappen heute noch über der Einfahrt des weitläufigen Hofes in der Kirchgasse angebracht ist. Seine Nachkommen haben ihn bis zum Ende des Kurstaates besessen, worauf derselbe in bürgerliche Hände überging. Zu dem Hof gehörte von altersher eine Mühle an der Waldaff."

Meuers Fehler liegt in der Übergabe des Hofes von der Familie Bettendorf an die Stadion`s. Während die Bettendorf`s den Hof in der Haselnußgasse besaßen, waren die Stadion`s in der Kirchgasse ansässig. Die genannte Mühle gehörte zum Schlief`s Hof.

Als weitere Besitzer von Adelshöfen in Niederwalluf nennt Meuer die Familien Köth von Wanscheid sowie die Freiherren von Hornstein, deren Höfe aber nie existiert haben, die beiden genannten Familien waren Besitznachfolger der Familie von Bettendorf, also des uralten Adelshofes in der Haselnußgasse.

Nach diesem Durcheinander aber nun zur eigentlichen Geschichte des Stadioner Hofes in der Kirchgasse 10.

Einer Beschreibung der bürgerlichen Güter des Jahres 1660 in Niederwalluf ist zu entnehmen: Der Zehnthof des Stiftes St. Peter in Mainz (dessen geographische Lage zweifelsfrei feststeht) hatte als südlichen Nachbarn den Bürger Matthias Henrich. Laut Güterbeschreibung handelte es sich bei seinem Besitz um "ein Wonhaus sambt Scheuer Kälter Haus Ställ undt Zubehör". Als Henrich`s Nachbarn werden der Zehnthof und südlich davon der Bürger Christ Juncker genannt. Dessen Anwesen wird als "Ein Behausung uff der Straß bei der Kirch, zwischen Matthes Henrich undt Adam Schmidt" gelegen bezeichnet. Schmidt`s Anwesen (welches wohl identisch ist mit dem Haus Kirchgasse 13) wird als "Ein Haus ohne Scheuer gelegen zwischen Christ Juncker und der Kirch" bezeichnet.

Somit steht fest: im Jahre 1660 befand sich zwischen dem Zehnthof Kirchgasse 7 und der Kirche noch kein Adelshof !

Irgendwann in den Jahren nach 1660, das genaue Datum ließ sich bis jetzt leider nicht feststellen, erwarb der Mainzer Hofkammerrat Schweickart die Grundstücke von Matthias Henrich und Christ Juncker. Erwähnt wird Schweickart erstmals in einer Kopfgeldliste des Jahres 1717. "Herr Kammerat Schweickhert" war in die Steuerklasse 5 eingereiht, neben einer Magd, die bei ihm beschäftigt war, wurden 4 Kühe als sein Eigentum genannt. Schweickart wurde als "Ausmarcker" bezeichnet, das heißt, er verfügte über Grundbesitz in Niederwalluf, wohnte aber nicht ständig hier und besaß nicht das Wallufer Bürgerrecht.

So wird in einer Inventarliste die Anläßlich einer Erbauseinandersetzung (HAW 276/1727) um das Erbe der vorstorbenen Witwe Burckhardt erstellt wurde, der "Herr Camerath Schweigert" 1727 mehrmals als Grundstücksnachbar der obengenannten Witwe erwähnt. Schweikart besaß unter anderem einen Acker im Sand, eine Acker im Speyerbaum, einen Acker im Sauerland, einen Acker im Johannisfeld und einen Acker am Roten Kreuz sowie eine Wiese auf der Kleinen Au (Kleinau).

Anläßlich einer bevorstehenden Einquartierung wurde am 15. März 1735 eine "Defignation deren zu Niederwalluf befindlichen Häuseren, Zimmern, ställen, Heu undt Stroh" vorgenommen. Unter der Nummer 73 finden wir "Herr Hoffkammerrath Schweickerts Behausung" die neben dem Wohnhaus aus einer Scheuer und einem Kelterhaus bestand. Neben 3 Zentnern Heu verfügte Schweickhart über 200 Gebund Stroh. Die Räumlichkeiten wurden wie folgt angegeben: "Unten 2 Stuben und ein Cammer, oben ein stub und 2 Cammern nebst einer Küchen. Pferdstall von 3 St. Viehe, Kuhstall von 14 St". Über die geringe Anzahl der Zimmer sollte man sich nicht wundern, wahrscheinlich sind nur die Örtlichkeiten angegeben, welche den Soldaten zur Verfügung gestellt werden mußten. So sind zum Beispiel bei der Erwähnung des Engelwirtes (heute Hotel Schwan) Henrich Cölsch auch nur 2 Stuben und 2 Kammern aufgeführt.

Eine Steuerliste von 1738 sagt aus, daß "Herr Hofkamerrath Schweickhart" einen Knecht und 3 Mägde beschäftigte. Neben einem Pferd besaß er 10 Kühe und 6 Schweine. An Steuern hatte er 2 Gulden, 57 Kreuzer zu entrichten.

Die Liste nennt 123 Bürger, Beisassen und Ausmärker, die 1738 in Niederwalluf Steuern zu entrichten hatten. An Vieh gab es 121 Schweine, 135 Kühe, 13 Ochsen und 7 Pferde! Aus unserer heutigen Sicht mag die geringe Anzahl der Pferde erstaunen. Neben den 3 Niederwallufer Müllern, welche je ein Pferd besaßen, sind als Pferdehalter der bereits genannte Hofkammerrat Schweickart, sowie Oberschultheiß Kolborn, Martin Mehl und Johannes Kessler aufgeführt. Alle Pferdebesitzer sind der Niederwallufer Oberschicht zuzurechnen. Für den Normalbürger war der Unterhalt eines Pferdes zu kostspielig. Als Zugtiere für Pflug und Wagen wurden Ochsen und Kühe verwendet. Allerdings, auch die Besitzer der 13 in Niederwalluf gehaltenen Ochsen konnte man der besser verdienenden Klasse zurechnen. Die einfache Bevölkerung nutzte die im Stall stehende Milchkuh auch als Arbeitstier zum Ziehen von Fuhrwerken und Pflügen. Noch in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts wurden in unserer Gegend Kühe als Zugtiere verwendet.

1741 befand sich der große Grundbesitz in Händen des Mainzer Hofgerichtsrates August Ignatz Schweickart, einem Sohn des Hofkammerrates. Der Sohn befand sich scheinbar in Geldschwierigkeiten. Am 17. Juni 1741 nahm er bei dem Mainzer Geheimen Rat und Kanzleidirektor Gottfriedt von Lammerts eine Hypothek in Höhe von 4000 Gulden auf. Als Sicherheit verpfändete Schweickart sein "in hiesiger Niederwalluffer Gemarckung von seinem Herrn Vatter seell. Ererbtes Haus und güther".

1742 beschäftigte Schweickart nur noch 2 Mägde und einen Knecht. An Vieh besaß er 3 Schweine, 3 Rinder, 7 Kühe und 1 Pferd. Mit 3 Gulden 28 Kreuzern, die er zu entrichten hatte, ist Schweickart, obwohl er als Ausmarcker in die niedrigste Steuerklasse eingruppiert war, der zehntgrößte Steuerzahler in Niederwalluf. Neben dem Haus in der Kirchgasse, einem am Rhein gelegenen Backhaus, verfügte er über viele Weinberge, Äcker und Wiesen in der Niederwallufer Feldgemarkung. Über den sicher vorhandenen Grundbesitz in der Stadt Mainz sagen die bis jetzt ausgewerteten Urkunden nichts aus.

Am 9. Mai 1744 erschien vor dem Gericht der Gemeinde Niederwalluf Johann Georg Remspeiher, Hofmeister "Ihro Hochwürden und Hochgräfflichen Excellenz Herrn Graffen Carl Anton von Stadion und Thanhausen". Er wies eine Vollmacht vor, die bestätigte, daß "Ahsessor" Schweickart den Grafen Carl Anton und Lothar von Stadion die Summe von 4000 Gulden schuldet. Remspeiher bat das Gericht zu protokollieren, daß die Originalhypothek von Kanzleidirektor von Lammerts kreditiert wurde und nun "Herrn Graffen Carl Anton von Stadion als wahren Innhaber Vorgezeigter Gerichtlicher Hypothec fürs künfftige ahn zu sehen".

Einen Monat später, am 18. Juni 1744 erhöhte Schweickart seinen Kredit bei den Stadions. Das Protokoll vermerkt, daß der "Hoch Edell gebohrne und Hochgelehrte Herr Augustin Ignatius Schweickart des Kurfürstl. Mayntzl. Hoffgerichts Ahseßor und seine Ehelige Hausfrauw Magdalena Catharina gebohrne Reylandin uns (dem Gericht Niederwalluf) die geziemende ahnzeig gethan, wie das sie zu beförderung Ihres besten nutzen von dem Hochwürdig-Hochgebohrnen Herrn Joanne Casimiro Carolo Antonio des Heiligen Römischen Reichs Graffen von Stadion und Thannhausen ein Capital von 10000 Gulden Rheinischer Währung, jeden gulden zu 60 Kreuzer gerechnet, Jetziger gangbahrer guten Müntz lehnweis aufgenohmen haben". Die Summe ist jährlich mit 5 % zu verzinsen. Als Sicherheit verschrieben die Schweickarts ihre "Eigenthümbliche sämbliche Haus und Güter, als nemblich ein Wohnhaus sambt allem dazu gehörigen bezirck und scheuweren in der so genanthen Kettengass gelegen, geforcht oben der Zehendthoff des löbsam Collegiat Stifft St. Petri in Mayntz unden Simon Riedlers Pupilla", sowie ihre landwirtschaftlich genutzten Flächen auf "Eltuiller als auf Gräffl. Leyischer Seiten".

1745, zur Zeit des zweiten schlesischen Krieges, überschritten die Franzosen den Rhein und bezogen in Niederwalluf und anderen Orten des Rheingaus Winterquartier. Aus diesem Grund wurde eine Schätzung vorgenommen. Der als "Herr Ahsesor" bezeichnete Schweickart wurde mit 2 Gulden 17 Kreuzern zur Kasse gebeten. Er stand mit dieser Summe unter den 20 Ausmarckern, nach dem Stift St. Peter, an zweiter Stelle. Unter den 97 Niederwallufer Bürgern mußte nur einer, nämlich Georg Dotzheimer, mehr als 2 Gulden bezahlen. Die Masse der Steuerpflichtigen war mit etwa 30 Kreuzern dabei.

Am 18. Juli 1746 schrieb Carl Anton Graf von Stadion, Kanonikus zu Trier, Würzburg und Speyer, an "Ihro Churfürstlichen Gnaden zu Mayntz" eine "unterthänigste Anzeig und bitt um gnädigste bestätigung eines zu Walluff und daßiger Gegend acquirirten Guths". Wie dem Schriftstück zu entnehmen ist, kam Schweickart mit der Rückzahlung des aufgenommenen Kredits in Verzug und verkaufte deshalb im Sommer 1745, weil er keinen anderen Käufer ausfindig machen konnte, das gesamte Anwesen an Carl Anton Graf von Stadion. Der Graf schrieb "Nachdem aber Euer Churfürstl. Gnaden ohnlängst und zware nach der hand einen General Verbott Krafft dessen die von Adel ohne sonderbare Gnädigst Churfürstlichen Consens dergleichen Güter zu behalten oder zu aquiriren mitinhabilitiret worden, in dero Ertzstüfft haben ergehen lassen, hingegen ich in dißem nicht vorgesehenen Fall verschiedene meliorationes in das ganz ruinirte Guth verwendet, ettliche praedia gegen andere mir nicht so gelegene vertauscht und erkauffet, über alles aber die Landesfürstliche onera in Betreff dieses Guts jederzeit, ohne den mindesten Anstand, abzutragen mich, als ohnehin schuldig, unterthänigst erbitte; Solchemnach gelanget an Euer Churfürstl. Gnaden mein ganz gehorsamste Bitt, Höchstdieselbe dise meiner acquisition zu confirmiren, und darob mir dero Landsfürst miltesten Consens zu ertheilen gnädigst geruhen wollen, welche Höchste Gnaden zu verdienen ich mich Zeitlebens werde zu mildester Erhör und Churfürstlichen Gnaden unterthänigst erlasse, in tieffestem Respect Carl Anton Graff v. Stadion".

Es war für den Grafen also gar nicht so einfach den Hof, für den er 10000 Gulden hingelegt hatte, auch in seinen Besitz zu bringen!

Wie dem auch sei, schließlich kam der Hof, wenn auch nur für kurze Zeit, doch noch in seinen Besitz. Graf Karl Anton vermachte dann das gesamte Anwesen seinem Bruder, dem Grafen Hugo Johann Philipp von Stadion, Geheimer Rat und Amtmann zu Höchst und Hofheim.

Dem im Heimatarchiv Walluf befindlichen Gerichtsprotokollbuch ist zu entnehmen, daß Hugo Johann Philipp am 28. Oktober 1763 Oberschultheiß und Gericht zu Niederwalluf eine Urkunde mit der Aufstellung seiner in Niederwallufer Gemarkungung befindlichen Häuser und Güter mit der Bitte um Aufbewahrung übergab. Dem Protokoll wurde die Bemerkung "dieser Donationsbrieff liegt in der Gerichtskist verwahret" hinzugefügt. Desweiteren findet sich der Vermerk "gefunden 1930". Der Brief, der sich fast 200 Jahre im Archiv befand, ist heute leider nicht mehr vorhanden. Überlebt hat hingegen ein "Güther Zettel des Herrn Hugo Joan Philipp des heil. Römischen Reichs Grafen von Stadion Excellenz zu Niederwalluf" aus dem Jahre 1773. (HAW 133/1773)

Der Text lautet:

"Ein Wohnhaus in der Kettengaß gel. oben der Zehendhof unten Hr. Kilian Mella,ein Wohnhaus samt backgerechtigkeit gef. die Schuhl unten der weise Schwahnet dermahlen eine Allee, einen garten von Jacob henrich unterm 14. 7bris 1760 erkauft wo dermahlen die Scheuer stehet, ein Wohnhaus in der Geisgasse gel. Philipp Schwedin wittib, ein Hausplatz (modo Garten) am Petersweeg gel. einseiths die Bach, anderseihts der Eselspfad, 24 ruthen garten am Petersweg gel. oben der pfath unten Simon Herborn".

Die vorhandenen Äcker, Weinberge und Wiesen verteilten sich wie folgt:

1 Acker auf der Kleinen Hohl

1 Weingarten in der Rheinhöll

1 Acker hinter dem Junckernhaus

1 Weingarten im Oberberg

2 Äcker auf dem Mückenberg

1 Weingarten in der Oberbach

3 Äcker auf dem Plenzer

1 Weingarten im Steinrich

2 Äcker am Hohlenweeg

2 Weingärten im Walkenberg

1 Acker im Sand

5 Äcker im Brückenschloff

7 Wiesen an der Lohwiese

1 Acker am Oberschimberg

5 Wiesen am Walckenberg

3 Äcker im Neuenberg

1 Wiese an der Kalbswiese

2 Äcker auf der Lamen Kaut

2 Äcker in der Kreß

2 Äcker im Schimmerlich

1 Acker am Hohenberg oder Grohenstück

3 Äcker am Vorder Galgengipfel

1 Acker an des Kellers 14 Morgen

2 Äcker im Bodum

2 Äcker an der Rübbach

4 Äcker am hinter Galgengipfel

3 Äcker am Klingenweg

3 Äcker im Sauerland

In dieser Aufstellung findet man den gesamten Grundbesitz des Grafen in der Niederwallufer Gemarkung aufgeführt. Einige der Gemarkungsnamen haben sich bis heute gehalten, andere wie z. B. "hinter dem Junckernhaus" oder "an des Kellers 14 Morgen" sind heute unbekannt.

Am 6. Februar 1765 wurde Johannes Keppel sen. vom Niederwallufer Pedell für den nächsten Tag zum Verhör auf das Rathaus bestellt (HAW 531/1763). Keppel wurde vorgeworfen, auf der Haderaue, die sich im Besitz des Grafen v. Stadion befand, eine große Anzahl Bandweiden (Salix viminadis, die sogenannte Korbweide) entwendet zu haben. Keppel bestritt den Diebstahl begangen zu haben. Der Gräflich von Stadionische Gärtner Salincka zu Budenheim berief sich dagegen auf zwei Zeugen, nämlich den Aumann Lotharius und den Gastwirt und Bendermeister Franz Jörger aus Eltville. Da aber diese beiden Zeugen nicht der Niederwallufer, sondern der Eltviller Gerichtsbarkeit unterstanden, somit nicht von den Wallufern verhört werden konnten, baten Oberschultheiß und Rat zu Niederwalluf den Vizedom darum, diesen Vorgang dem Amtsschultheiß zu Eltville zu übertragen.

Nach einem Schriftsrück im HAW fand am 9. November 1765 eine Besprechung statt. Neben dem Oberschultheiß und Mitgliedern des Gerichts nahmen Wilhelm Thomas, dessen Schwiegersohn Valentin Heim und der Graf von Stadion teil. Grund der Besprechung war die Erbauung der oben bereits genannten Scheune. Stadion mußte sich seinem Nachbarn Thomas gegenüber verpflichten einige bauliche Auflagen einzuhalten.

Einer "Niederwalluffer Geld-Zinnsen Erneuerung der hohen Dhom Praesenz zu Mainz" sind die Namen der Niederwallufer zu entnehmen, welche im Jahre 1777 von ihrem Grundbesitz Abgaben an das Domstift zu Mainz leisten hatten. "33 Gulden, 6 Heller oder 28 albus 3 ¼ von dem Haus bei der Kirch prius (vorher) Asheshor Schweickart, dann vom gemeinen Backhaus am Rhein prius Friederich Vater, und vom Garten hinter dem Schwanen prius Jacob Henrich" lautet der Eintrag welcher den Grafen von Stadion betraf. Daraus geht hervor, daß die Stadions neben dem Schweickart`schen Anwesen das frühere Gemeindebackhaus, zuletzt im Besitz des Friedrich Vater, sowie einen Garten hinter dem Gasthof Schwan aus dem Besitz des Jacob Henrich erwarben. Laut einem Güterzettel aus dem Jahre 1773 besaß das Backhaus in diesem Jahr noch die Backgerechtigkeit.

Wie bereits erwähnt, war der Graf von Stadion Eigentümer eines Hauses in der Geisgasse. Das Haus mit der Nummer 10 befand sich aber schon 1780 in Besitz des Wallufer Bürgers Martin Führer. Heute ist das Haus Nr. 10 ein Teil des ursprünglich aus 4 Häusern bestehenden Anwesens Brückenstraße 4. Bis vor wenigen Jahren befand sich hier das Gasthaus "Zur Eintracht". Bei dem renovierten Fachwerkteil des Hauses handelt es sich um den Teil, der früher Eigentum der Stadions war.

Ebenfalls 1773 erwähnt wird "Eine Wohnbehausung (in der Kettengasse) samt Garten und einem Lusthaus am Rhein". Die Größe des Gartens betrug 30 ½ Ruten. Der Gartenpavillon ist auf einem Stich von Friedrich Wilhelm Delkeskamp (1794 -1872) zu sehen. Das Bild wurde 1829 in dem Buch "104 Ansichten des Rheins von Mainz bis Cöln" im Verlag Doebler und Weisbeck, Frankfurt/M. veröffentlicht. Wie lange der Pavillon stand, ist nicht bekannt. Das dazugehörige Grundstück kam 1881 an den damaligen Niederwallufer Bürgermeister Philipp Hofmann. Hofmann der auch Besitzer der Gasthäuser "Zum goldenen Engel" und "Zum Schwanen" war ließ hier wieder einen Gartenpavillon errichten. Nach dessen Abriss wurde hier 1954 das Haus Rheinstraße 4a der Familie Becker errichtet.

Die ursprüngliche Heimat der Familie von Stadion ist Graubünden in der Schweiz. Später wurde die Familie in Schwaben ansässig. Bereits um 1260 wird Walter von Stadion, der Stammvater der Familie erwähnt. Viele seiner Nachkommen wandten sich kirchlichen Berufen zu. Schon um 1390 ist eine Katharina von Stadion Äbtissin des Klosters Heggbach. Der 1478 geborene Christoph wird 1517 Bischof von Augsburg. Einer der Enkel seines Bruders Johann, der 1585 verstorbene Johann Diebold, wird 1573 Domküster und Dechant zu Mainz. Er war damit der erste einer ganzen Reihe von Familienmitgliedern, die im Kurfürstentum Mainz ihr Auskommen fanden und Karriere machten. 1632 heiratete Johann Christoph v. Stadion Maria Magdalena von Ostein. Die Familie von Ostein wird bereits 1588 in Rüdesheim erwähnt. Ein Hofgut auf dem Niederwald, im 17. Jahrhundert im Besitz der Stadions, wird 1695 Eigentum der Grafen von Ostein. Bereits 1693 und dann 1705 kauft die Familie weiteren, ursprünglich kurmainzischen Besitz auf dem Rüdesheimer Niederwald. Johann Philipp Graf von Stadion und Thannhausen, Sohn des genannten Johann Christoph, kurmainzischer Geheimrat und Großhofmeister, geboren 1652, wurde von Kaiser Leopold 1686 in den Reichsfreiherrenstand erhoben und von Kaiser Joseph I. 1705 zum Reichsgrafen ernannt. Leopold I. hatte Johann Philipp, dem wichtigen Mainzer Minister, die Herrschaft Warthausen verliehen. Aus dem Besitz der Familie von Sinzendorf kaufte der Graf die reichsunmittelbare Herrschaft Thannhausen. Er war dreimal verheiratet, Vater von 12 Söhnen und ebensovielen Töchtern.

Der 1691 geborener Sohn Friedrich wurde zum Stammvater der Friederizianischen Linie (Warthausen). Der in Niederwalluf geborene Karl Joseph Hieronymus Kolborn war der Erzieher seiner Enkel Friedrich Lothar und Johann Philipp Karl Joseph, dem späteren österreichischen Außen- und Finanzminister. Friedrich ersteigerte 1737 das in den Jahren 1728 - 1733 erbaute Palais des Freiherrn Lothar Friedrich von Rollingen in der Mainzer Großen Bleiche. Mit der Abtretung des linken Rheinufers 1798 an Frankreich ging der Hof der Familie verloren. Heute befindet sich das Anwesen im Besitz der Dresdner Bank. Auch in Budenheim war dieser Zweig der Familie begütert. Joachim Karl Laub weiß in seinem "Histrorisches Heimatbuch Budenheim" darüber folgendes zu berichten: " Großen Anteil am Budenheimer Alltagsleben von ehedem hatten auch die Grafen von Stadion. So besaß der kurmainzische Staatsminister Johann Philipp Graf von Stadion (1652 - 1741) im Dorf und Gemarkung eine Reihe von Liegenschaften, die ihn, wie erhaltengebliebene Rechnungen erkennen lassen, zum ersten und besten Steuerzahler von Budenheim gemacht haben. Sein hiesiger größter Besitz dürfte wohl das "Ambbtshauss", im Volksmund nur das Grafenhaus geheißen, mit dem dazugehörigen "Violengarthen" gewesen sein. Das Haus mit dem großen Garten stand dort, wo sich heute das Eckhaus Mainzer und Rheinstraße befindet. Gärtner waren immer Franzosen oder Böhmen. Die Verheirateten von ihnen wohnten in dem Eckhaus zwischen Sackgasse und Heidesheimer Straße". Vieleicht stammt daher die Verbindung zur Familie Kolborn. Sebastian Kolborn, der Vater des genannten Karl Joseph Hieronymus, versah um 1740 gleichzeitig das Amt des Budenheimer und des Niederwallufer Oberschultheißen.

Die Söhne Lothar Georg, geboren 1706, und Carl Anton Kasimir, geboren 1726, waren die Kreditgeber des Hofgerichtsrates August Ignatz Schweickart und wurden, als dieser zahlungsunfähig wurde, Eigentümer des in der Niederwallufer Kettengasse (der heutigen Kirchgasse) liegenden Anwesens. Hugo Johann Philipp, ebenfalls ein Sohn des 1742 verstorbenen Johann Philipp, ist der Begründer der Philippinischen Linie (Thannhausen) des Hauses Stadion. Über seine Brüder, Lothar Georg und Carl Anton Casimir, wurde er der Eigentümer des Niederwallufer Anwesens. Er heiratete 1745 Maria Anna Theresia Schenk von Stauffenberg. Deren beiden Hochzeitswappen befindet sich noch heute über der Einfahrt des Stadioner Hofes. Hugo Johann Philipp starb am 30. Dezember 1785. Seine Familie war ebenfalls in Mainz begütert, ihr gehörte der am Flachsmarkt gelegene "Bickenbau". Auch dieser Hof ging der Familie nach der Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich verloren. In der Zeit, als Mainz Bundesfestung war, wurde das Anwesen zur Kaserne umfunktioniert. Zuerst lagen hier östereichische Regimenter, später das hessische Regiment Nr. 117. Die Tochter des Hugo Johann Philipp von Stadion und dessen Frau Anna Maria geb. von Stauffenberg, Bernardine Magdalena Rosina, heiratete am 11. September 1790 in der Pfarrkirche zu Niederwalluf den aus Umstadt stammenden Philipp Hugo von Wambold, Sohn des Johann Philipp von Wambold unnd dessen Frau Catharina geb. Hutten in Stolzenberg.

Im Jahre 1799 wurde das gräflich Stadionsche Gut zu Niederwalluf für 22000 Gulden, nebst einem "Schlüsselgeld" in Höhe von 50 Dukaten an Adam Achilles Leisler verkauft. Der Kaufpreis wurde in 3 Raten bezahlt. Die erste Rate war fällig zur Frankfurter Herbstmesse 1799, die beiden anderen Raten zur Herbstmesse 1800 und 1801. Die Schuldsumme wurde mit 4 % verzinst. Leisler zahlte den Kaufpreis bis auf eine Restsumme von 432 Gulden, die er nach Meinung der Stadions schuldig blieb. Auch durch mehrere Mahnungen der Familie Stadion konnte er nicht bewogen werden die Restsumme zu zahlen. Nach Abzug von 32 Gulden Vermessungskosten, die bei der Vermessung des Wallufer Gutes entstanden, blieb eine Restsumme von 390 Gulden. Um Leisler zur Zahlung zu bewegen, klagte die Familie von Stadion im Jahre 1802 bei dem Amt in Eltville. Leisler konterte und behauptete, daß die 432 Gulden durch eine Anweisung des "famosen" Juden Wolf Lazarus von Hanau in Frankurt bereits 14 Tage vor dem Termin im November 1801 beglichen worden seien. Er klagte nun seinerseits auf Rückgabe der Hälfte von 32 Gulden, der bereits erwähnten Vermessungskosten. Die Stadions behaupteten nun, der Bevollmächtigte Dr. Wüstefeld (von den Stadions zur Abwicklung der Geschäfte beauftragt) sei nur zur Entgegennahme von Bargeld berechtigt gewesen und bestanden auf die Forderung von 390 Gulden, weil diese ja auch noch nicht quittiert seien. Im übrigen sei ja auch inzwischen bereits bekannt, daß der "Jud Lazarus Wolf wegen der ihm imputirten Verfälschung kaiserl. Stadt Beneo Obligationen schon flüchtig geworden, und darauf arretiert war, somit diese Assignation nicht bezahlt werden konnte, und also auch dieselbe als nichtig geschehen, von selbst wegfallen müßte". Am 28. August 1802 erging der Bescheid, laut Vollmacht des Herrn Dr. Wüstefeld sei dieser berechtigt gewesen, neben Bargeld auch eine "Ahsignation" entgegenzunehmen.

Das Amt schlug den Parteien vor sich zu vergleichen.

Adam Achilles Leisler, Sohn des Syndikus Leisler und dessen Ehefrau Johanna geborene Richter, kam am 11. März 1768 in Hanau zur Welt. Der Doktor der Rechte war mit Auguste Wurm aus Ausbach bei Hersfeld verheiratet. Die Hanauer Familie Leisler geht wohl zurück auf den um 1670 in Basel geborenen Johann Adam Leisler, von dem bekannt ist, dass er zwei Ehen in Hanau schloss.

Leisler und seine Frau erhielten im Jahre 1800 das Bürgerrecht zu Niederwalluf. Dr. Leisler mußte dafür 4 Gulden, seine Frau 2 Gulden an die Verwaltung des damals noch Kurfürstlich Mainzischen Rheingaus zahlen. Wie im Zivilstandsregister der Gemeinde Niederwalluf nachzulesen ist, war der Gutsbesitzer und Doktor der Rechte Adam Achilles Leisler Ehrenbürger von Niederwalluf. Diese bis jetzt unbekannte Tatsache läßt den Schluß zu, daß Leisler der erste Ehrenbürger der Gemeinde Niederwalluf war. Für welche Verdienste er diese Auszeichnung erhielt, ist leider nicht überliefert.

Leisler starb am 23. Februar 1821 in Niederwalluf und wurde auch hier am 27. Februar begraben.

Die gemeinsamen Kinder von Adam Achilles und Auguste Leisler geb. Wurm:

Die Söhne Ernst und Emil Achilles entwickelten sich zu bekannten Persönlichkeiten. In dem 1928 erschienen Buch "Gräber berühmter Personen auf den Wiesbadener Friedhöfen" findet man unter anderen folgende Kurzbiographien:

Leisler Ernst, Dr. Jur. Amtsprokurator

Dr. Jur., Herzogl. Nass. Amtsprokurator. Geb. zu Hanau, gest. 24.1.1875 zu Wiesbaden. Sein Vater war Gutsbesitzer. - Studierte Jurisprudenz. Weilte nach beendetem Studium zu Niederwalluf. Bestand 1826 das nass. Staatsexamen "gut", Kandidat der Rechts- und Staatswissenschaften. 1828-32 Hof- und Appellationsgerichts-Prokurator zu Wiesbaden. 1832 die nachgesuchte Entlassung erteilt, lebte als Advokat zu Wiesbaden. 1841-67 Amtsprokurator daselbst, ohne die Befugnis, bei den Obergerichten zu exhibieren. Privatisierte seit 1867 zu Wiesbaden. Wohnung: Paulinenstraße 2.

Leisler Emil Achilles, Dr. Jur. Prokurator

Dr. Jur., Herzogl. Nass. Ober-Appellationsgerichts-Prokurator. Geb. 27.2.1805 zu Niederwalluf (Amt Eltville), gest. 18.9.1869 zu Wiesbaden. Bestand nach absolvierten juristischen Studien 1829 das nass. Staatsexamen mit der Note "gut", Kandidat der Rechts- und Staatswissenschaften. War bis 1841 Advokat zu Höchst. 1841-44 Amtsprokurator zu Höchst, ohne die Befugnisse, bei den Obergerichten zu exhibieren. 1844-67 Ober-Appellationsgerichts-Prokurator zu Wiesbaden, dann Rechtsanwalt daselbst. Wohnung: Paulinenstraße 2.

Auffällig an beiden Biographien ist, daß der Verfasser Albert Hermann mit keinem Wort die doch recht bedeutende Stellung, welche beide Leisler vor und während der 1848er Revolution und den Vorbereitungen zum Frankfurter Paulskirchenparlament innehatten, erwähnt.

Hier kann man glücklicherweise auf Wolf Heino Strucks Buch "Wiesbaden im Biedermeier" zurückgreifen. In Strucks Buch läßt sich nachlesen, welchen politischen Kreisen man beide Leisler zurechnen konnte. Er schreibt: "Der Festlegung des politischen Programms der Opposition diente eine Versammlung in Niederwalluf am 8. April 1832, an der auch Bürger aus dem Rheingau, Advokaten aus Darmstadt, Mainz, Bensheim und Mannheim, aus Wiesbaden Dr. Ernst und Dr. Emil Leisler, Hergenhahn, Haßloch und Bernhard May von der Hammermühle teilnahmen".

Der Politiker August Hergenhahn (1804-1874) war Sprecher der liberalen Opposition. Er war, wie beide Leisler, ebenfalls am Oberappelationsgericht in Wiesbaden tätig. Am 16. April 1848 übernahm er als nass. Ministerpräsident die Leitung der Staatsgeschäfte. Der Müller und Landwirt Bernhard May kaufte 1807 die Hammermühle bei Biebrich, er galt als freisinniger Politiker.

Ernst und Emil Leisler gehörten zu dem kleinen Kreis aus dem Herzogtum Nassau, die dem 500köpfigen Frankfurter Vorparlament angehörten, welches die Wahlen zur Nationalversammlung vorbereitete.

Bei den Wahlen am 1. Mai 1848 wurde Dr. Ernst Leisler im Wahlkreis 8, den Ämtern Braubach und St. Goarshausen, als Abgeordneter in den nassauischen Landtag gewählt. Innerhalb dieses Gremiums wählte man ihn zum Vizepräsidenten.

In W.H. Riehls "Nassauische Chronik des Jahres 1848" ist der Schlußteil einer Rede des Abgeordneten Ernst Leisler, die dieser im Revolutionsjahr 1848 vor der Ständeversammlung hielt, abgedruckt:

"Wir müssen es anerkennen, daß der rechte Weg gewählt wurde, und müssen es der Reichsgewalt und der Regierung Dank wissen, daß sie durch die veranlaßte Absendung der Truppen die Achtung vor dem Gesetz hergestellt hat. Meine Herren! Wir haben dreißig Jahre lang gekämpft, um der Willkür zu steuern, um das verhaßte Polizeisystem zu entfernen. Dieses Streben nach Entfernung der Willkür hat sich auf eine Weise belohnt, wie kaum ein Beispiel in der Geschichte zeigt. Soll nun diese Willkür aus dem Volke beginnen? Das Gesetz und nur das Gesetz muß gehandhabt werden. Freiheit der Meinungsäußerung wollen wir ehren, wo wir sie finden. Aber der Gehorsam gegen das Gesetz muß immer damit verbunden sein.

Ich erinnere an den Ausdruck eines großen Republikaners, Carnot. Als der französischen Republik vorgeschlagen wurde, an Napoleon das lebenslängliche Konsulat zu übertragen, erhob sich Carnot, der Tribun, in männlich kühner Rede für die Freiheit, das Idol seines Herzens, kämpfend. Er schloß mit den Worten: Wenn aber mein Antrag nicht durchgeht und die Republik verwandelt werden sollte in Alleinherrschaft, so werde ich der erste sein, der mit dem Beispiele der Befolgung des neuen Gesetzes vorangeht.

Und nochmals beziehe ich mich auf einen Republikaner: Rotteck, der begeisterte Redner der Freiheit, sagt am Schlusse seiner Weltgeschichte: Nicht die republikanische Form ist es, die wir die Sonne der Freiheit nennen, sondern der republikanische Geist, die Herrschschaft weiser Gesetze, hervorgegangen aus dem Gesamtwillen des Volkes; und dieser Geist verträgt sich gar wohl mit monarchischer Form, ja, gedeiht in wohlgeregelter Monarchie oftmals besser als in der Demokraten sturmbewegtem Reich.

Darum meine Herren, herrsche das Gesetz, nur das Gesetz und das ganze Gesetz! Die Regierung hat dessen erschütterte Macht hergestellt. Ich stelle den Antrag, daß die Kammer sich einstimmig erhebe und dadurch ihre Anerkennung ausdrücke mit dem, was die Regierung getan hat."

"Diese Rede machte einen ergreifenden Eindruck. Allgemeiner Beifall erschallte im Saal wie im Zuhörerraum, und die ganze Versammlung, mit Ausnahme von drei Mitgliedern, erhob sich zu dem Vertrauensvotum für das Ministerium."

Leisler hielt diese Rede zu der Zeit, als große Teile des Bürgertums Angst vor den sogenannten "Anarchisten" und linksorientierten Aufständischen bekam. Die Forderungen der "Linken" gingen den Kreisen um Leisler zu weit. Man war im Grunde mit dem Erreichten zufrieden. Die gemäßigten Liberalen, die nun überall in Deutschland an der Macht waren, dachten nur an ihre großbürgerlichen Interessen, und diese entsprachen nicht unbedingt dem, was sich die Mehrzahl der Bevölkerung erträumt und wofür sie gekämpft hatte. Dieses Auseinandertriften der Revolutionäre führte ja dann auch dazu, daß die alten Zustände wieder hergestellt werden konnten und es mit der Freiheit für die Masse der Bevölkerung schlimmer bestellt war als vor den Aufständen.

Der Bruder Emil kandidierte 1848 im Wahlkreis 6 (Ämter Wiesbaden, Hochheim, Rüdesheim und Eltville) für die deutsche Nationalversammlung.

1860 wohnten beide, Emil Achilles und Ernst Leisler, in der Wilhelmstraße 21 in Wiesbaden.

Johann Weingärtner und dessen Frau Elise geb. Godron kamen durch Erbschaft 1856 in den Besitz eines zweistöckigen Wohnhauses, einer Scheune mit Stall, einem Kalkofen, einer Trockenhütte und dazugehörigem Hofraum. Das Anwesen lag an der Landstraße in Niederwalluf zwischen dem Johannisbrunnen und dem Fuhrweg nach dem Rhein. 1860 wurden Wohnhaus, Scheune und Stall mit Hofraum an Dr. Emil Leisler verkauft, der laut Auskunft einer Bauakte hier eine Jod/Kali-Fabrik errichten ließ. Der Kalkofen mit Trockenhütte und Hofraum wurde 1861 und 1875 an Anton Keppel und dessen Frau Elisabetha geb. Waldeck verkauft. Leisler verkaufte sein Haus bereits am 28. März 1861 wieder an Ferdinand Franz Theodor Roques aus Frankfurt/Main. Bei Leislers Anwesen handelte es sich um das heutige Hotelrestaurant Ruppert (Johannisbrunnen) in der Hauptstraße 61.

Im April 1826 wurde der Stadioner Hof wegen der hohen Verschuldung der Familie Leisler versteigert. Das Gut fiel an den Frankfurter Bürger und Bankherrn Jakob Friedrich Gontard, der dafür die Summe von 22620 Gulden bezahlte. Die Summe wurde bei dem geheimen Rat Herber in Eltville deponiert, um die Gläubiger des verstorbenen Adam Achilles Leisler zu bezahlen. Hauptgläubiger war Daniel Bahrenfeld, ihm schuldete Leisler 12000 Gulden.

Gontard, geboren am 7. April 1764, war dreimal verheiratet. Die erste Frau, Susanne geb. Borckenstein, ist als Diotima in Friedrich HölderlinsWerken unsterblich geworden. Zwischen Hölderlein, der 1795 als Hauslehrer bei den Gontards eingestellt wurde, und Susanne Gontard entwickelte sich eine Liaison die bis 1798, dem Jahr als Hölderlin das Gontardsche Haus verließ, andauerte.

In zweiter Ehe heiratete Jakob Friedrich Gontard die aus Rüsselsheim stammende Witwe Antoinetta Jordis geb. Firnhaber von Eberstein.

In dritter Ehe war Gontard mit der Witwe Renette Thurneyssen geb. d`Orville verheiratet.

Jedem ernsthaften Liebhaber historischen Spielzeuges wird das "Gontard`sche Puppenhaus" ein Begriff sein. Das ursprünglich im Besitz der Familie d`Orville befindliche Puppenhaus kam 1752 durch die Heirat von Susanna Maria d`Orville mit Daniel Andreas Gontard, den Eltern Jakob Friedrich Gontards, in den Besitz der Bankiersfamilie. Heute ist das Puppenhaus eines der Glanzstücke im Besitz des Historischen Museum in Frankfurt am Main. Der Direktor des Historischen Museums, Dr. R. Koch, schreibt im Vorwort des Buches "Das Gontard`sche Puppenhaus": "Das Gontard`sche Puppenhaus aber ist sichtbare Geschichte, atmet gerade in seiner didaktischen Dimension viel unmittelbarer noch die Lebensphilosophie der alten bürgerlichen Führungsschichten der Stadt. Ihr Frankfurter Patriotismus, ihre Liebe zu Kaiser und Reich verband sich auf höchst intensive Weise mit dem Kosmopolitismus des alten Europa. Und wer könnte dies besser belegen als eben die Gontards oder die d`Orvilles und jene anderen "Refugies", die Frankfurt so ungemein bereichert haben?".

Durch Jakob Friedrich Gontards Kauf des Stadion`schen Hofes wurde eine Entwicklung in Gang gesetzt, dessen Auswirkungen auf den Ort Niederwalluf noch nicht untersucht wurden. Denn nach Gontard erwarben einige der von Dr. Koch der Frankfurter Führungsschicht zugerechneten Familien ebenfalls Immobilien in Niederwalluf.

Damit begann die etwas verworrene Geschichte der zur Zeit der Rheinromantik in Niederwalluf ansässig gewordenen großbürgerlichen Gutsbesitzer. Diese Familien waren alle miteinander verwandt, verschwägert oder befreundet. Ihren Hauptwohnsitz hatten sie meißt in Frankfurt, wo sich auch der Großteil der Familie, von der Sommerzeit abgesehen, aufhielt. Eines war allen Familien gemeinsam. Sie hatten private und geschäftliche Verbindungen in alle Teile Europas, sie waren große Kunstliebhaber, sehr vermögend und einige hatten auch größeren Einfluß auf die damalige politische Willensbildung. Die Verknüpfung der Familien wurde von mir in dem noch unveröffentlichten Beitrag "Der Schlief`shof - die Geschichte eines alten Adelhofes in Niederwalluf" dargestellt.

Der "Schlief`shof" wurde übrigens 1838 ebenfalls Eigentum von Jakob Friedrich Gontard und blieb bis zu seinem Tod 1843 auch in seinem Besitz. 1854 befand sich der Hof im Besitz seiner Enkeltochter Johanna Helene, die mit dem Frankfurter Senator Johann Keßler verheiratet war.

Am 12. September 1848 wurde der Stadioner Hof Eigentum des Philipp Georg Wilhelm Thurneyssen, einem Sohn von Gontards dritter Ehefrau Renette Jeanne Susanne Thurneyssen geb. d`Orville. Verheiratet war Philipp Georg Wilhelm Thurneyssen mit Josephine Francisca Anna Chamot, einer Tochter des Frankfurter Senators Franz Georg Chamot. Ihr Bruder Franz Maria Chamot war seit 1835 Besitzer des früheren Kirn`schen Anwesens in der Rheinstraße 5. Mehr zur Familiengeschichte der Familie Thurneyssen findet man auf der Homepage von Herrn Ulrich Straux aus München.

Der Frankfurter Bürger und Handelsmann Philipp Georg Wilhelm Thurneyssen besaß mit seinem Bruder Isaak Peter August in der Handelsmetropole am Main eine Firma, die mit englischen Manufakturwaren handelte. Nach der Übernahme des Stadioner Hofes ließ Thurneyssen sich als Gutsbesitzer in Niederwalluf nieder. Zeitgenössische Berichte bezeichnen den landwirtschaftlichen Betrieb Thurneyssens als Mustergut. Er setzte als erster in Niederwalluf eine dampfbetriebene Lokomobile für landwirtschaftliche Arbeiten ein. Bei Weinversteigerungen erzielten Weine aus Thurneyssens Betrieb gute Preise.

Nach einer Notiz in Bernhard Walchs 1887 erschienener "Geschichte der Stadt Hochheim" soll Thurneyssen bereits 1835 im "Landwirthschaftlichen Wochenblatt für das Herzogthum Nassau" einen Beitrag unter dem Titel "Herbst-Manuale" veröffentlicht haben.

Daß dies kein einmaliger "Ausrutscher" war, beweisen Thurneyssens Artikel "Ueber die Ausstockung des Waldes auf den Höhen des Rheingaues" vom 8. September 1855, "Ueber die Anwendung der Poudrette" vom 20. Oktober 1855, sowie "Ueber das Imprägniren der Weinbergspfähle" vom 7. März 1857. Alle Artikel erschienen im "Wochenblatt des Vereins nassauischer Land- und Forstwirthe".

In einem Artikel des Wochenblattes "Ueber die Einführung der Dreschmaschinen im Herzogthum Nassau", erschienen am 11. November 1854, schrieb der Verfasser:

"Herr Thurneisen zu Niederwalluf hatte die Gefälligkeit, am 27. Oktober d. J. über die von ihm aus Idstein bezogene Maschine folgendes an die Redaktion dieses Blattes zu berichten. "Es wird den Landwirthen des Herzogthums vielleicht nicht uninteressant sein, zu erfahren, welches Ergebnis ich aus dem Gebrauch einer Dreschmaschine mittheilen kann, welche ich diesen Herbst aus der Werkstätte des Herrn Emil Roth in Idstein erhielt. - Vorausschicken muß ich, daß diese Maschine an Genauigkeit und Dauerhaftigkeit nichts zu wünschen übrig läßt, und in dieser Hinsicht jene bei Weitem übertrifft, welche ich am Niederrhein, nach gleichem System gebaut, sah. Diese Eigenschaften verdanke ich ohne Zweifel größtentheils das Günstige Resultat."

"Obgleich nach unseren Einrichtungen jetzt der Tag höchstens 8 ½ Arbeitsstunden gibt, habe ich durchschnittlich täglich 500 Garben Weizen gedroschen, und zwar so rein ausgedroschen, wie dieses sonst nur in den günstigsten Jahren der Fall ist, trotzdem, daß das Dreschen dieses Jahr schwierig ist, wie sich alle Landwirthe überzeugt haben werden, welche mit dem Flegel dreschen lassen. - Das nämliche Ergebnis hatte ich bei dem Ausdreschen des Korns (Roggens), konnte aber täglich nur 440 Garben fertig bringen, weil das Stroh länger ist, als jenes am Weizen, also längere Zeit braucht, bis es durch die Maschine läuft. Zu dieser Arbeit bedurfte ich zwei Pferde und sechs Männer, einschließlich dessen, welcher bei den Pferden ist, und zwei Weiber zum Beitragen der Garben."

"Mittelst dieser Hülfe war der Ausdrusch so weit rein, daß ich ihn des anderen Tages auf die Fegemühle bringen konnte und sämtliches Stroh war aufgebunden."

"Es herrschte bisher das Vorurtheil, daß durch diese Maschinen das Stroh verderben werde; ich kann das Gegentheil melden, denn während bei dem Dreschen mit Flegeln das Stroh platt geschlagen, zum Theil ganz zerschlagen wird, kommt es aus der Maschine ebenso unbeschädigt hervor, wie es vom Felde hereingefahren wird; man bedarf also einer geringeren Menge Streu, um das Vieh trocken zu betten. - Für Strohseile ist freilich das Kornstroh nicht mehr geeignet, weil die Aehren durch die Maschinen größtentheils abgedrückt werden, allein dieser Verlust erscheint sehr unbedeutend gegen den Vortheil, welcher aus der schnelleren Arbeit erwächst."

Wie wenig verbreitet diese Maschinen noch waren, zeigt folgender, gleichem Artikel entnommener, Beitrag: "Wer solche Maschinen im Nassauischen aufgestellt und im Gebrauche sehen will, hat dazu Gelegenheit bei Herrn Hofbeständer P. Schneider zu Hof Dapprich im Amte Rennerod, bei Herrn Pächter Unzicker zu Offenthal im Amte St. Goarshausen, bei Herrn Pächter Unzicker zu Hof Henriettenthal bei Idstein, bei Herrn Mühlen- und Gutsbesitzer May auf der Hammermühle bei Wiesbaden und bei Herrn Gutsbesitzer Thurneisen zu Niederwalluf bei Eltville".

Daß Thurneyssen auch für andere Neuerungen zu haben war, beweist eine "Uebersicht der Drainröhren, welche im Jahr 1854 im Herzogth. Nassau fabricirt und abgesetzt worden sind". Diese, in Beilage 1/1855 des Wochenblattes erschienene Liste, nennt Thurneyssen als Abnehmer von 2600 Röhren des Fabrikanten Thewalt zu Höhr im Amte Montabaur. 1854 verkaufte Thewalt insgesamt 41576 Röhren. Über die Drainage landwirtschaftlich genutzter Flächen schreibt der Verfasser eines Artikels im Wochenblatt vom 25. März 1854: "Von England auf unseren heimischen Boden verpflanzt, haben wir erst in der letzten Zeit aus eigenen Anlagen die Sache näher kennen und für unsere Verhältnisse allseitig würdigen gelernt".

Bereits vor dem Kauf des Stadioner Hofes war Thurneyssen Landbesitzer im Rheingau. Werner Kratz schreibt in seiner Abhandlung zur Geschichte des von Oetingererschen Hofes (Rheinweg 2) in Erbach: "Auch dieser Hof kann ein alter Adelshof gewesen sein. Er befand sich laut dem Erbacher Gebäudekataster aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunächst in den Händen von Karl von Fürth und ging dann in den Besitz des Frankfurter Kaufmanns und Landwirts Thurneyssen über. Dieser hat sich im Rheingau als passionierter Reiter und tüchtiger Sänger einen Namen gemacht. Es heißt, daß er einmal vor Kaiser Alexander I. von Rußland habe singen müssen. Von ihm kaufte den Hof 1828 der Ritter und Edle Max von Oetinger, dessen Familie ihn noch heute besitzt".

Philipp Georg Wilhelm Thurneyssen und seine Frau Josephine Francisca Anna geb. Chamot hatten 7 Kinder. Die am 17.09.1816 in Frankfurt geborene Tochter Therese Victoria Wilhelmine heiratete am 21.12.1835 in Niederwalluf den Kaufmann Jakob Alexander Kalle, geboren am 29.01.1796 in Wesel. Trauzeugen waren Jakob Friedrich und Andreas Gontard.

Das Paar hatte 5 Kinder. Der am 26.04.1838 in Paris geborene Sohn Wilhelm Paul wurde 1863 zum Gründer der chemischen Fabrik Kalle und Co. in Biebrich. Wilhelm Paul Kalle heiratete 1867 Franziska Kniesling, eine Stieftochter von Sophie Chamot, einer Tochter des bereits genannten Niederwallufer Weingutsbesitzers Franz Maria Chamot.

Im Hess. Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, in der Abteilung 223, unter der Nummer 1959 befindet sich eine Akte der freiwilligen Gerichtsbarkeit, welcher folgendes zu entnehmen ist:

"Akte von 1843, zur Berichtigung des Stockbuches zu NW, im Zusammenhang der Erben des Matthias Keppel, Georg Wilhelm Thurneißen, Balthasar Heim, Peter Hilt". In einem Schreiben vom Dezember 1863 wird erwähnt, daß das Gut Thurneysen durch Kauf an den Geheimen Rath Rosentreter zu Eltville verkauft wurde. Dem Vorgang liegt ein Schreiben aus dem Jahre 1862 bei, aus dem unter anderem folgendes hervorgeht: Die Erben des verlebten Georg Wilhelm Thurneysen von hier sind:

Merkwürdigerweise wird die mit Jacob Alexander Kalle verheiratete Tochter Therese Victoria Wilhelmine nicht erwähnt.

Am 6. Dezember 1862 kauften Henry Rudolph Rosentreter aus Danzig und dessen Frau Susanna geb. Whitaker den mit der Nummer 84 im Brandkataster bezeichneten Stadioner Hof in der Niederwallufer Kettengasse. Das Anwesen bestand aus einem zweistöckigen Wohnhaus, Stallung, Wagenremise, einem Brennhaus, einem Schweinestall, einer Scheune mit Stallung, Holzschoppen, Kelterhaus und Hofraum.

1863 kaufte Rosentreter eine ganze Reihe Äcker, Weinberge und Wiesen (insgesamz 24 Einzelgrundstücke) von der Ehefrau des Gustav Wittekind, Margaretha geb. Kertell. Im gleichen Jahr verkaufte er diese Grundstücke an Alphons Nilkens in Eltville. Nilkens wird 1869 als Eigentümer von 40 Einzelgrundstücken in der Niederwallufer Gemarkung erwähnt. 24 Grundstücke (alles Wiesen im Distrikt Walkenberg) verkaufte er 1871 an Herzog Adolph zu Nassau. Nilkens, gebürtiger Holländer, erwarb 1845 die am Ortsausgang Eltvilles gelegenene Villa, welche heute den Namen "Sicambria" trägt. Zum Eltviller Anwesen sollen 1845 250 Morgen Ackerland und Wiesen sowie 36 Morgen Weinberge in den besten Lagen des Rheingaus gehört haben

Das Ehepaar Rosentreter wird in einem Stockbucheintrag aus dem Jahre 1870 als in Eltville wohnhaft genannt. 1874 verkauften Rosentreters 32 weitere Äcker in der Niederwallufer Gemarkung an Alphons Nilkens in Eltville.

Herzog Adolph von Nassau erwarb zwischen 1870 und 1872 insgesamt 88 Wiesen, Weinberge und Äcker in der Niederwallufer Gemarkung. Seine Erbin, die Großherzogin von Luxemburg, verkaufte um 1955 einige Wiesen an der Mühlstraße zwischen Bug-Mühle und Arnet-Mühle, die anschließend bebaut wurden.

1875 kaufte der Herzog 18 Weinberge in der Niederwallufer Gemarkung aus dem Besitz des Grafen Carl Wenzeslaus zu Leiningen Billigheim. 1877 kamen 18 Äcker in den Distrikten Sand, Neuberg und Leimkaut hinzu. Diese Äcker waren bis dahin Eigentum von Johann Jakob Zimmermann und dessen Frau Elisabetha geb. Keppel, den Eigentümern des neben dem Stadioner Hof gelegenen Zehnthofes.

Mit Stand 1882 besaß der Herzog in der Niederwallufer Gemarkung:

4 Äcker im vorderen Galgengipfel

5 Äcker im hinteren Galgengipfel

23 Äcker im Johannisfeld

8 Äcker am Klingenweg

9 Äcker im Grohenstück

11 Äcker im Pflänzer

27 Äcker in der Leimkaut

14 Äcker im Sand

1 Acker im Sauerland

7 Äcker im Hohlweg

5 Äcker im Boden

2 Äcker in der Biehl

3 Äcker im Neuenberg

7 Weinberge im Walkenberg

4 Weinberge im Unterpflänzer

4 Weinberge im Steingarten

3 Weinberge im Unterjungenstück

1 Weinberg in der Steinritz

1 Weinberg in der Platt

2 Weinberge im Unterberg

1 Weinberg im Oberberg

4 Wiesen in der Lohwiese

Die Gesamtfläche betrug 24 Hektar, 60 Ar, 2 m²

1897 kaufte seine Königl. Hoheit, Großherzog Adolph von Luxemburg, Herzog von Nassau, von Ignatz Nikolai 19 Äcker, und zwar:

4 Äcker in der Rehbach

3 Äcker im Klingenweg

4 Äcker im Sauerland

2 Äcker in der Biehl

4 Äcker im Boden

2 Äcker im Grohenstück

1 Weinberg im unteren Pflänzer.

mit dem Kauf eines Ackers im Pflänzer 1898 erhöhte sich die Gesamtfläche auf 28 Ha, 15 Ar, 65 m²

Der Herzog war beileibe nicht der einzige Adelige der sich in der Niederwallufer Gemarkung einkaufte. Einer unter anderen war "Seine Exzellenz Herr Graf Paul von Hatzfeld-Wildenburg, Staatsminister und Staatssekretär des auswärtigen Amtes zu Berlin". Er kaufte folgende Äcker in Niederwalluf:

1884:

10 Äcker in der Kreß

4 Äcker im Sauerland

4 Äcker im Grohenstück

3 Äcker am Klingenweg

1885

3 Äcker im Sauerland

4 Äcker im Grohenstück

1886

2 Äcker im Sauerland

Die Gesamtfläche betrug 1886 4 Hektar, 67 Ar, 97 m²

Graf Paul von Hatzfeld-Wildenburg erwarb im Jahre 1872 den Frauensteiner Hof Sommerberg. Die Nähe zur Niederwallufer Gemarkungsgrenze war wohl auch der Grund für den Erwerb landwirtschaftlich nutzbarer Flächen in der Niederwallufer Gemarkung. Der Graf, seit 1885 deutscher Botschafter in London, baute das Besitztum nach und nach zu einem schloßartigen Familiensitz mit großen Parkanlagen um. 1888 ging der Besitz an Frau Gräfin von Hatzfeld, 1902 an den Legationsrat Graf Hermann von Hatzfeldt-Wildenburg zu Paris und dessen Frau Maria geb. Freiin von Stumm-Halberg. 1930 befand sich Schloß Sommerberg noch im Besitz dieser Familie.

Am 5. März 1863 erwarben Johann Krafft Lembach aus Biebrich und dessen Frau Sophie geb. Schmahl den Stadioner Hof, der aber nur bis zum 1. Mai 1874 ihr Eigentum blieb.

Neue Besitzer des Anwesens wurden durch Kauf Peter Anton Wallau von Mainz und dessen Ehefrau Helene Therese von Reichenau.

Aber bereits am 19. Juni 1874 wurde der Hof dann Eigentum von Johann Nepomuk Eiblmayer und dessen Frau Gertruda geb. Döring von Weisenau. Eine Steuerliste 1876 bezeichnet Eiblmayer als Bierbrauer und Wirt. Einem Bauantrag (Heimatarchiv Walluf) vom 7. August 1874 ist zu entnehmen, dass Eiblmayer beabsichtigt einen Teil der Wirtschaftsgebäude abzubrechen und eine Bierbrauerei nebst Lager- und Gärkeller zu errichten. Desweiteren beabsichtigt Eiblmayer auf dem Anwesen eine Schankwirtschaft zu errichten. Aber alle Pläne kamen nicht zur Umsetzung, schon am 27. Dezember 1876 wurde laut Stockbucheintrag der Hof wiederum an Peter Anton Wallau und Ehefrau veräußert.

Eines haben die Besitzer Lembach, Wallau und Eiblmayer gemein, über sie ist nichts näheres bekannt.

Der Niederwallufer Schulchronik ist folgender Eintrag entnommen: "In der Nacht vom 23 auf den 24. Februar 1887 brach in der Zimmermannswerkstatt in sogenanntem Eibelmeierischen Hause oder der sogenannten Kaserne Feuer aus und legte genannte Zimmermannswerkstatt und eine anstoßende Scheune des Kohlenhändlers Müller (Zehnthofgelände) in Asche".

Am 23. Mai 1887 kauften Luis Müller und dessen Frau Hedwig geb. Dressel das Haus mit der Nummer 150 im Brankataster. Der "Stadioner Hof" lag laut Eintrag in der Kettengasse zwischen Johann Müller V., Anton Reitz, Johann Jakob Zimmermann einerseits und Elisabetha Metzler, dem Schwanengäßchen, Philipp Hofmann und der Rheinstraße und Geschwister Mella anderseits. Der aus Kauschwitz stammende Luis Müller befand sich von 1882 bis 1892 im Besitz des Hauses Kirchgasse 3.

Im Stockbuch befindet sich der folgende Eintrag: "Recht zur Benutzung des in dem Wohnhaus befindlichen Betsaals nebst den dazugehörigen Wohnräumen gegen ein jährliches Mietgeld von 84 M für die evangelische Kirchengemeinde des oberen Rheingaus, vergleich Anl. I 54/87; eingetragen am 23. Mai 1887, gelöscht 1902, Juli 25".

Der Rheingau und mit ihm Niederwalluf war bis zum Ende des Mainzer Kurstaates ausschließlich katholisch. Nachdem der Rheingau dem Herzogtum Nassau angegliedert war, konnten sich auch Protestanten hier niederlassen. 1827 erteilte der Herzog von Nassau die Genehmigung zur Errichtung einer evangelischen Pfarrei im Rheingau.

Am Sonntag "Esto mihi" 1880 erfolgte in dem bereits genannten Betsaal der erste evangelische Gottesdienst in Niederwalluf. Die Gemeinde umfaßte etwa 180 Seelen. Alle 14 Tage kam der Geistliche von Erbach und hielt den Gottesdienst. Bis zur Einweihung der Heilandskirche an der "Schönen Aussicht" am 26. Oktober 1902 fand der evangelische Gottesdienst im Stadioner Hof statt.

1906 wohnten folgende Familien in der Kettengasse 179, dem Stadioner Hof:

Altenkirch, Carl, Schuhmacher

Groos, Friedrich, Schlosser

Helm, Joseph, Schiffer

Kiefer, Ant. I., Schiffbauergehilfe

Kiefer, Ant. II., Fabrikarbeiter

Kiefer, Frz., Schiffbauergehilfe

Klerner, Ph., Winzer

Müller, Louis, Weinhändler, Eigentümer

Neusel, Carl, Taglöhner

Scharhag, Jac., Maschinist

Schmidt, Adam II., Schreiner u. Spielwarenhandlung

Schmidt, Helene, Arbeiterin

Siebert, Joh., Bäckergehilfe

Strieter, Wilhelm Witwe, Taglöhner

Wehner, Ernst, Setzschiffer

Weiler, Jacob, Hilfsweichensteller

1934, jetzt Kirchgasse 10, hatte sich die Anzahl der Parteien um eine, auf 17 erhöht:

Bolenz, Martin, Arbeiter

Friedrich, Martin, Arbeiter

Füll, Philipp, Fuhrmann

Haltenhof, Willi, Bootsbauer

Helm, Johann, Reichsbahn-Hilfsschaffner

Kiefer, Anton, Fabrikarbeiter

Kiefer, Anton, Schlosser

Kölsch Eugen, Friseur

Kiefer, Franz, Schiffbauer

Müller, Louis I., Priv.

Müller, Richard, Cafebesitzer

Schmidt, Helene, Verwaltungsgehilfin

Schmidt, Marg., Priv.

Schnok, Bernhard, Fabrikarbeiter

Schultheis, Otto, Dreher

Seminko, Minna, Witwe

Wehner, Christian, Arbeiter

1911 ließ Luis Müller die im Westteil des Hofes stehende Scheune zu einem Wohnhaus umbauen. Dessen Sohn Richard eröffnete 1924 im Vorderhaus ein Cafe. Zu diesem Zweck wurden einige Umbaumaßnahmen vorgenommen.

Nach dem Tode Luis Müllers befand sich die "Kaserne" im Besitz einer Erbengemeinschaft. Um 1990 wurde das 1911 errichtete Wohnhaus an einen aus Indien stammenden Mitbürger verkauft. Etwa 1991 wurde der Rest des Anwesens an einen Wiesbadener Geschäftsmann veräußert.

Ab 1992 wurde mit den zwischenzeitlich dringend notwendig gewordenen Renovierungsarbeiten begonnen. Es bleibt zu hoffen, das der Stadioner Hof zu dem wird, was er sein könnte, nämlich ein Schmuckstück unter den wenigen übrig geblieben historischen Gebäude Niederwallufs.

Quellen:

Heimatarchiv Walluf: Protokollbuch 1699, Kopfgeldliste 1717, 404/1735, 59/1744, 133/1773, 121/1765, 139/1777

Hess. Hauptstaatsarchiv Wbn.: Güterbeschreibung 1660, 360 NW 5, 101/285, 100/116, 212/5025, 210/5558

Gemeindevorstand Walluf (Herausgeber): Niederwalluf 770 - 1970

Verkehrsverein Eltville (Herausgeber): 60 Jahre Biedermeierfest in Eltville am Rhein, Eltville 1995

Katholische Kirchenbücher der Gemeinde Niederwalluf, im Kirchenbucharchiv der Diözese Limburg

Stockbücher der Gemeinde Niederwalluf

Schulchronik der Gemeinde Niederwalluf

Adressbuch der Stadt Wiesbaden und Umgebung1934/35

Wochenblatt des Vereins nassauischer Land- und Forstwirthe, Wiesbaden 1854 - 1857

Europäische Stammtafeln, neue Folge, Band IV

Arens, Fritz: Das goldene Mainz, Mainz 1952

Claus, Paul: Beiträge zur Kultur und Geschichte der Stadt Geisenheim, Band 2, Geisenheim 1992

Engelmann, Bernt: Wir Untertanen, München 1974

Feldtkeller, Hans (Herausgeber): Die Kunstdenkmäler des Landes Hessen - Der Rheingaukreis, 1965

Herrmann, Albert: Gräber berühmter Personen auf den Wiesbadener Friedhöfen, Wiesbaden 1928

Fischer Elisabeth und Engel Olga: Maria Theresia Chamot und ihre Verwandschaft Hamburg 1960

Kissel, Clemens: Alte historische Adelshöfe in Mainz, Mainz 1899

Kratz, Werner: Erbach im Rheingau - Baudenkmale und Geschichte, Erbach 1970

Laub, Joachim Karl: Historisches Heimatbuch Budenheim, Budenheim 1977

Marwitz, Christa von der: Das Gontard`sche Puppenhaus, Frankfurt 1987

Meuer A.H. in: Festschrift der Sängervereinigung Niederwalluf 1926

Meuer, August Heinrich: Geschichte von Dorf und Burg Frauenstein, Wiesbaden 1930

Michel Norbert: Der Schliefshof - die Geschichte eines alten Adelhofes in Niederwalluf

Renkhoff, Otto: Nassauische Biographie, 2. Aufl., Wiesbaden 1992

Riehl, W.H.: Nassauische Chronik des Jahres 1848, Nachdruck von G. Müller Schellenberg, 1979

Stramberg, Chr. V.: Rheinischer Antiquarius, 3. Band, "Der Rheingau", Koblenz 1864

Struck, Wolf Heino: Wiesbaden im Mittelalter, Wiesbaden 1980

Struck, Wolf Heino: Wiesbaden im Biedermeier

Schnegelberger`s Rheingauer Adressbuch für 1906-8

© 1995 Norbert Michel Walluf

©Aktualisiert 22.05.2005

©Aktualisiert 15.06.2008

©Aktualisiert 11.07.2009

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