Joseph Schipfer - Träumer oder Humanist ?

Erstveröffentlichung in "Beiträge zur Wallufer Ortsgeschichte", Heft 1, 1993

© Norbert Michel

1998 jährte sich zum 155. mal der Todestag eines Mannes, über den bis heute sehr wenig bekannt ist. Der Verfasser dieser Zeilen nimmt dies zum Anlaß den bereits 1993, in Heft 1 der "Beiträge zur Wallufer Ortsgeschichte" erschienenen Artikel zu überarbeiten und einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

An der Südseite der Niederwallufer Friedhofskapelle befindet sich ein alter Grabstein mit folgender Inschrift:

RUHE SANFT UNVERGESSLICHER

FREUND ALLER MENSCHEN,

DEIN HERZ WAR STETS VOLL LIEBE

UND GÜTE,

DEIN RASTLOSES WIRKEN WAR ÜBER

ALLES ERHABEN,

DEIN THATENREICHES LEBEN

MACHT DICH UNSTERBLICH.

DEM HERRN JOSEPH SCHIPFER

GEWIDMET U. ERRICHTET VON

SEINEN FREUNDEN U. SCHÜLERN.

NIEDERWALLUF D. 27 JANUAR 1843

Wer war Joseph Schipfer, was für ein Leben verbirgt sich hinter den Lobpreisungen seiner Freunde und Schüler?

Einen Hinweis findet man in Rolf Fabers, anläßlich der 1000 Jahrfeier von Biebrich-Mosbach erschienen Chronik. Faber schreibt, daß einer der bedeutendsten deutsch - jüdischen Schriftgelehrten, der 1829 in Mosbach geborene Seligmann Baer, um 1838 das Privatinstitut des Professors Schipfer in Niederwalluf besuchte. Baer erhielt hier unter anderem Unterricht in Englisch und Französisch. Dies blieb bisher der einzige Hinweis auf Schipfers Privatschule in Niederwalluf.

DER GUTSBESITZER SCHIPFER

Am 23. Januar 1801 verkaufte der Kurmainzische Kämmerer und Obristwachtmeister Honor Karl von Hornstein zu Grüningen seinen Hof in Niederwalluf. Der uralte Adelshof war durch die Heirat mit Sidonia Freiin Köth von Wanscheid an Honor Karl von Hornstein gekommen. Das in der Haselnußgasse (Schliefs Hof) befindliche Rittergut bestand aus herrschaftlichem Wohnhaus, Nebengebäuden, Mahlmühle (in Erbbestand), Bierbrauereigerechtigkeit, 102 Morgen Äcker und Wiesen (zehntpflichtig), 8 2/4 Morgen Weinberge und Zehntgefälle zu Gerstrothen (Görsroth?), aus einem Beholzungs-Gnaden Recht auf der sogenannten Gräfenhöhe (14 Klafter Brennholz und 800 Wellen) und Beholzungsrecht im Hinterwalde mit Weidgang, Mastung, Jagd- und Fischereirecht.

Käufer des Anwesens war Joseph Schipfer aus dem Ehrenbreitensteiner Tal, er zahlte 2800 Gulden. Dem Käufer wurden 6000 Gulden Schadensersatz zugestanden, falls nach ritterschaftlichem Privileg das Gut innerhalb 3 Jahren von einem ritterschaftlichen Adeligen zurückgekauft werden sollte.

Johann Joseph Schipfer, der erste bürgerliche Besitzer des früheren Köthschen Hofes, wurde am 8. April 1761 in Ransbach, Amt Selters als Sohn des Johann Paul Schipfer und der Maria Barbara geborene Kaltwasser geboren. Johann Paul Schipfer war Verwalter des Erler Hofes bei Ransbach.

Johann Joseph Schipfer war verheiratet mit Katharina Dornach, die am 31. Dezember 1773 in Ehrenbreitstein als Tochter des Hofmusikers Christoph Dornach und dessen Frau Katharina zur Welt kam.

Im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden befindet sich unter der Nummer 108/3327 ein Schriftstück mit dem Titel: "Tausch und Vertausch zwischen Herrn Joseph Schipfer, dahier und Peter Joseph Meister, ebenfalls dahier" . Der Vertrag wurde am 26. September 1809 abgeschlossen. Da Schipfer verhindert war, wurde er durch "Madame Catharina Schipfer" , seine Frau und seinen Bevollmächtigten Joseph Lamb vertreten. Der Vorgang behandelt den Tausch- und Vertausch von mehreren Feldern in der Niederwallufer Gemarkung.

Zwischen 1810 und 1817 führt Schipfer Verhandlungen mit der Nassauischen Landesregierung (Hess. HstA. Wbn. 211/14109) wegen dem Beholzigungsrecht im Wiesbadener Höhenwald. Das ursprünglich der Familie Köth von Wanscheid zustehende Beholzigungsrecht auf der sogenannten Gräfenhöhe (14 Klafter Brennholz und 800 Wellen) war mit dem Kauf des Gutes an Schipfer übergegangen.

Das Schipfer auch im Weinbau tätig war, zeigt folgende Anzeige, veröffentlicht im Nassauischen Intelligenzblatt 1827:

Weinversteigerung:

Auf Ansuchen des Gutsbesitzers Herrn Joseph Schipfer zu Niederwalluf, werden Mittwoch den 7. März l- J. , Morgens 9 Uhr, desselben 3 Stück 4 Ohm 1826r. Weine, in Niederwalluf einer nochmaligen Versteigerung ausgesetzt, und die Proben an den Fässern gegeben.

Eltville, den 25. Januar 1827.

Herzogliche Landoberschultheiserei, Kirchbaum

DER PARLAMENTARIER SCHIPFER

Das Herzogtum Nassau war der erste Staat im Deutschen Bund, der 1815 eine für damalige Zeiten fortschrittliche Verfasung erhielt, in der einer von Teilen der Bevölkerung Vertretung Anteil an Beratung und Erlaß neuer Gesetze hatte.

Diese Vertretung, Landstände genannt, setzte sich aus Mitgliedern der Herrenbank und Landesdeputierten zusammen. Die Herrenbank bestand aus Vertretern des Adels und wurden vom Herzog auf Lebenszeit oder erblich ernannt. Die zweite Kammer des Parlaments, die Landesdeputierten, bestand aus 22 Mitgliedern, die sich wie folgt zusammensetzten: 15 Deputierte aus den Reihen der Grundbesitzer, verteilt auf die Wahlkreise Wiesbaden, Weilburg und Dillenburg, 3 Deputierte aus den Reihen der höchstbesteuerten Gewerbetreibenden, vier Vertreter wurden von den Kirchen und Schulen entsandt.

Joseph Schipfer wurde zwischen 1818 und 1828 aus der Gruppe der Grundbesitzer des Wahlkreises Wiesbaden in die Deputiertenkammer entsandt, aus nicht bekannten Gründen nahm er sein Mandat aber nur 1818 und 1819 wahr.

SCHIPFER UND SEIN VERHÄLTNIS ZU FÜRST EMANUEL VON SALM-SALM

Gegenüber der katholischen Kirche in Niederwalluf befindet sich das Grabmal des im Jahre 1808 zu Niederwalluf verstorbenen Fürsten Emanuel von Salm-Salm, errichtet von seinem Neffen Constantin Alexander Josef, regierenden Fürsten von Salm-Salm. "Ein Vater der Armen" heißt es in seiner Grabschrift von diesem fürstlichen Menschenfreunde, welcher, als er auf der Durchreise in Niederwalluf gefährlich erkrankte, vor seinem Hinscheiden den Bedürftigen der Gemeinde ein Kapital von 10000 Gulden vermachte. Zu seinem Nachlassverwalter bestimmte Salm-Salm Joseph Schipfer. Wie einem Protokoll zu entnehmen ist, bestand zwischen dem Fürsten und Schipfer ein enges, freundschaftliches Verhältnis.

Schipfer bezeichnet sich selbst als Ratgeber des Fürsten bei der Verfassung des Testamentes. Er behauptet von sich, daß er derjenige war ". . . , der dem Hochseeligen Fürsten bey Verfassung des Testaments diese Ideen angab, und seinen Willen völlig kannte" .

DIE IDEE DES LEBENDIG BEGRABEN WERDENS

Aus einer im Staatsarchiv Wiesbaden befindlichen Akte (210/7907) geht hervor, daß Schipfer am 27. November 1835 dem "Herzoglich Nassauischen hohen Staats-Ministerium" ein Schreiben übersandte, dem er ein Exemplar der von ihm verfassten Broschüre "Idee, das Lebendigbegrabenwerden zu verhüten" beifügte. Der Name Schipfers als Autor ist in der Broschüre allerdings nicht zu finden. Als Autor zeichnet "ein Freund der Menschheit im Rheingau" . Aus dem Schreiben geht zweifelsfrei hervor, daß Schipfer der Verfasser der Broschüre ist.

Schipfer schlug vor, die Broschüre an die Ämter, Pfarrer und Schultheißen verteilen zu lassen. Der Preis sollte je nach Abnahmemenge 12 bis 16 Kreuzer betragen. Seine zusammengefassten Gedanken zu dem damals sehr populären Thema des Scheintodes und dem Problem des lebendig begraben werdens, scheint aber bei den nassauischen Beamten kein Interesse gefunden zu haben.

Wie sehr dieses Thema die Menschen beschäftigte, geht aus folgender Notiz der "Mainzer Zeitung" vom 23. Mai 1789 hervor: "Der verstorbene Bischof von Irland fürchtete so sehr lebendig begraben zu werden, dass er sich von seinen Erben versprechen ließ, ihm ehe sie ihn in den Sarg verschlössen, den Kopf abzuschneiden; was sie auch befolgten" (Aus: "Judentoleranz und Judenemanzipation in Kurmainz 1774 - 1813", von Bernhard Post, Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen, 1985).

Ein mit dem Datum 20. Februar 1840 versehenes Schreiben ist mit der Überschrift "Allgemeiner Aufruf an die mitleidige Menschheit" überschrieben. Schipfer beschreibt die Not und das Elend der von schweren Überschwemmungen betroffen Franzosen an der Rhone und Saone. Anschließend stellt er seine schriftstellerischen Erzeugnisse vor:

Schipfer geht weiter auf die Vorteile seiner "Communicationssprache" und die Preise für seine Broschüren ein. Er schlägt vor, den Gewinn aus dem Verkauf der Druckwerke der notleidenden Bevölkerung in den französischen Notstandsgebieten zukommen zu lassen.

Wie bemerkenswert Schipfers Einsatz für die notleidende französische Bevölkerung war, wird deutlich, wenn man Bedenkt, daß Frankreich in Deutschland zu jener Zeit noch als "Erbfeind" angesehen wurde.

Ein mit 23. Oktober 1840 datiertes Schreiben ist direkt an den "Durchlauchtigsten Herzog! Gnädigsten Fürst und Herr!" gerichtet.

Schipfer beschreibt hier ebenfalls seine Broschüren. Er bittet den Herzog seine Arbeiten " . . . vorzüglich zu Herzen zu nehmen, sie zu prüfen, prüfen zu lassen, und nach bestandener Würdigkeit in Höchstdero Lande ins wirkliche Leben gnädigst zu befördern" . Er schreibt weiter: "Nach dieser unterthänigsten Erklärung wage ich nochmal die gehorsamste Bitte für mich und im Namen der Gemeinde von Niederwalluf um eine gnädigst beliebige Unterstützung zur Erbauung des in beigelegten Plan gezeichneten Leichenhauses und um gnädigsten Schutz und Beförderung der allgemeinen Communicationssprache" .

Ein beigefügter mehrseitiger Artikel beginnt mit der Überschrift:

"Aus dem Rheingau zum Einsenden in das Frankfurter Journal eingesendet - Beschreibung eines in den kleinen Städten, Flecken, Dörfern auf dem Lande zu errichtenden Leichenhauses" .

Schipfer beschreibt hier ausführlich seine Ideen zu dem genannten Thema und nennt mehrere Vorfälle von Scheintoten (unter anderem in Schlangenbad).

Dem Sitzungs-Protocoll der Herrenbank bei der Ständeversammlung des Herzogtums Nassau im Jahre 1840, § 19, Seite 11 wurde der folgende Eintrag entnommen: "Hiernach wurde vom Präsidium eine Eingabe des Herrn Joseph Schipfer von Niederwalluf betreffend Vorschläge wegen Gründung eines allgemeinen Unterstützungsfonds für das Herzogthum, sowie wegen Verbesserung der Feuerlöschanstalten, zur Kenntnis der Versammlung gebracht, und darauf noch vor gängiger Umfrage einstimmig beschlossen, daß die bei Einreichung dieser Vorschläge zu Grund gelegene gute Absicht vollkommen anzuerkennen sey, daß jedoch die Eingabe in welcher Überdieß manche factische Unrichtigkeit eingeflossen seyen, ihrem Inhalte nach sich zu einer weiteren Discussion nicht eigne und daher zur Tagesordnung überzugehen sey" .

Schipfers Vorschlag ist im Protokoll leider nicht abgedruckt.

In einem Schreiben an den Herzog vom 5. März 1841 hat der das Gesuch bearbeitende Beamte folgende Randbemerkung Schipfers Text hinzugefügt:

"Ein früheres Gesuch um Verwilligung eines Beitrages von 500 bis 600 Gulden zu den Druckkosten mehrerer von dem Bittsteller herauszugebender Werke ist durch Decret vom 4. Januar dieses Jahres abgewiesen worden. In der gegenwärtigen Vorstellung bittet Schipfer, daß ihm höchsten Orts zur Bezahlung jener Druckkosten, die er danach schon jetzt schuldet, ein Vorschuß von 500 bis 600 Gulden gnädigst verliehen werden möge, welchen er aus einer ihm von Prag angeblich eingehenden Rente demnächst wieder ersetzen will. Für den Fall der Nichtwillfahrung dieses Gesuchs bietet er zwei Oelgemälde zum Verkauf an, welche in der Vorstellung näher beschrieben sind" .

Auf die genannte Prager Rente geht Schipfer leider nicht näher ein. Vielleicht steht diese Rente in einem Zusammenhang mit Schipfers Schwager Sebastian Buchwieser. Buchwieser, Sohn eines Schullehrers, geboren 1763 in Sendlingen bei München war Kaiserlicher Kapellmeister in Wien. Er verstarb während eines Besuches bei seinem Schwager Schipfer und wurde am 11. Januar 1820 in Niederwalluf begraben.

In seinem Brief an den Herzog schreibt Schipfer: "Ich wollte diese Schuld (der Druckkosten) durch meine Prager Rente tilgen, meine einzige Liebe sucht, nachdem ich meinen schönen Landsitz in Walluf durch einen Mißgrff der Justitz in Niederwalluf verloren, allein nach den neuesten Nachrichten von Prag, gehen die Zinsen dieser Rente so schlecht ein, daß ich kaum das Nothdürftigste zu meinem Lebensunterhalt von daher erhalte, viel weniger daß ich Schulden davon bezahlen könnte" .

Im letzten Abschnitt des Schreibens läßt sich Schipfers Verzweiflung und Enttäuschung aus folgenden Sätzen herauslesen: "Da Eure Herzogliche Durchlaucht durch gnädigste Gewährung einer dieser gehorsamsten Bitten eines Mannes seine Ehre, auch von seinem Untergange retten, der, um in seinem 81sten Lebensjahre von Kindheit an für dieselbe gelebt, und sein ganzes Leben hindurch auf Beförderung allgemeiner Wohlfahrt der Menschheit bedacht war, weswegen er sich auf seine - und andere Schriften und seine Handlungen berufen zu können glaubt; so überlasse ich mich der tröstlichen Hoffnung, daß Eure Herzogliche Durchlaucht wenigstens eine dieser gehorsamsten Bitten gnädigst bewilligen werden, um welches ich so dringend und inständig, als es meinem beklommenen Herzen nur möglich ist, unterthänigst bitte" .

Die Antwort des Herzogs ist leider nicht überliefert. Wie es zur finanziellen Misere kam, in deren Folge Schipfer seinen Hof verlor, läßt sich nicht sagen. Das es finanziell nicht zu seinem besten stand, zeigt Schipfers Brief an den Herzog, welcher aber anscheinend nicht auf seine Klage eingeht. Ein Niederwallufer Häuserkataster von 1822 nennt Schipfer noch als Eigentümer des Hofes, ein Nachtrag aus dem Jahre 1830 erwähnt dann erstmalig den Frankfurter Bankier Gontard als Besitzer des Anwesens in der Haselnußgasse. Schipfer bleibt in Niederwalluf, wird aber auch an anderer Stelle nicht mehr als Grundbesitzer erwähnt. Vermutlich verbleibt er als Mieter auf dem alten Adelshof, denn wie Eingangs erwähnt, besuchte Seligmann Baer um 1838 Schipfers Privatschule in Niederwalluf. Die Existenz der Schule läßt sich auch aus Schipfers Grabinschrift ableiten, in welcher von seinen Schülern die Rede ist.

Schipfer stirbt am 27. Januar 1843. Er wurde am 1. Februar auf dem alten Niederwallufer Friedhof an der Adelheidstraße begraben.

Katharina Schipfer überlebte ihren Mann nur zweieinhalb Jahre, sie starb am 5. Juli 1845 in Niederwalluf und wurde hier am 8. Juli begraben. Ihr Grabstein ist nicht erhalten.

Schipfers Grabstein wurde um 1900 nach Einebnung der Gräber an der Adelheidstraße auf den 1873 eröffneten Friedhof an der Schönen Aussicht überführt.

Die im Titel enthaltene Frage, Träumer oder Humanist? mag nach der Lektüre dieser Lebensbeschreibung jeder für sich selbst beantworten.

Neben den im Text erwähnten Quellen wurden folgende Veröffentlichungen benutzt:

Nassauische Sparkasse (Herausgeber): Nassau und Europa - 150 Jahre Nassauische Sparkasse, Wiesbaden 1990

Historische Kommission für Nassau (Herausgeber): Herzogtum Nassau 1806 - 1866, Wiesbaden 1981

Rösner, Cornelia: Nassauische Parlamentarier, Wiesbaden 1997

Michel, Norbert: Salm Salm

© Norbert Michel 1993, 2009

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