DIE RHEINGAUER DILIGENCE

Erstveröffentlichung in "Beiträge zur Wallufer Ortsgeschichte", Heft 1, 1993

©Norbert Michel

Verkehrstechnisch ist der Rheingau heute gut erschlossen. Neben der Möglichkeit den eigenen Wagen auf gut ausgebauten Straßen zu benutzen, gibt es weiterhin die Möglichkeit auf Eisenbahn und Omnibuslinien zurückzugreifen.

Wer während des 18. Jahrhunderts auf den "Öffentlichen Nahverkehr" im Rheingau angewiesen war, mußte auf das Marktschiff oder die von der Thurn und Taxischen Postverwaltung betriebene Rheingauer Diligence (lat.fr. = Eilpostwagen) zurückgreifen.

Die Kutsche verließ Mainz täglich morgens um 7 Uhr. Der Fahrpreis wurde nicht nach der zurückgelegten Entfernung, sondern pro Stunde berechnet. Pro Person zahlte man einschließlich 50 Pfund Gepäck für die Stunde 12 Kreuzer. Für den Weg von Mainz nach Niederwalluf rechnete man 2 1/2 Stunden.

Von Niederwalluf nach Eltville, von Eltville nach Erbach, von Erbach nach Hattenheim, von Hattenheim nach Oestrich, von Oestrich nach Mittelheim und Winkel, von Winkel nach Geisenheim und von Geisenheim nach Rüdesheim wurde jeweils 1/2 Stunde angesetzt.

Täglich Nachmittags um 3 Uhr fuhr die Diligence von Rüdesheim zurück. Gepäck und Briefe nicht mitfahrender Personen wurden unter Beachtung der Thurn- und Taxischen Verordnung nach Bezahlung des entsprechenden Tarifes befördert. Leider sind uns Verordnung und Tarif nicht bekannt.

Taxe für die Diligence pro Person ab Mainz.

Die Namen der Haltestellen welche die Diligence anfährt, sind wie folgt angegeben:

Die oben aufgeführten Einzelheiten wurden einem handschriftlichen "Fahrplan" entnommen. Dieser "Fahrplan" wurde von B. J. Gebhardt, Amtsschreiber des Rheingauer Vicedomamtes am 13.Oktober 1784 in Eltville verfasst.

Nach Aufhebung des Kurfürstentums Mainz kam der Rheingau 1803 an das Herzogtum Nassau, die Stadt Mainz gehörte zum Großherzogtum Hessen.

1828 verkehrte die Diligence nur noch einmal wöchentlich zwischen Wiesbaden und Rüdesheim, ab 1830 fuhr die Kutsche dann zweimal wöchentlich.1835 verkehrte zwischen Wiesbaden und Rüdesheim täglich einmal, später sogar zweimal eine Personenpost.

Am 11.August 1856 fand die Betriebseröffnung der Eisenbahnlinie zwischen Wiesbaden und Rüdesheim statt. Mit diesem Zeitpunkt wurde der Betrieb der Rheingauer Diligence eingestellt. Die Eisenbahn wurde zur Postbeförderung benutzt. Heute werden alle Postsendungen aus dem Rheingau über Eltville mit Kraftfahrzeugen nach Wiesbaden transportiert. Hier werden die Postsendungen maschinell sortiert und mit Kraftfahrzeugen, der Eisenbahn oder dem Flugzeug ihrem Bestimmungsort zugeführt.

Nachtrag 17.05.2005:

Im Heimatarchiv Walluf, unter der Nummer 563/1784 befindet sich eine "Punctation zur Einrichtung der Rheingauer Diligence", die ich hier zur Ergänzung einstelle. Diese Bekanntmachung ist einen Tag älter als der oben vorgestellte Fahrplan der Rheingauer Diligence:

Punctation zur Einrichtung der Rheingauer Diligence

  1. Die Rheingauer Diligence gehet alle Tage Sontag, Feyertag, wie Werktags früh 7 Uhr zu Mainz ab, und pashiert die Ortschaften Kassel, Walluf, Eltville, Erbach, Hattenheim, Oestrich, Mittelheim, Winkel, Geisenheim, Rüdesheim.

  2. Dieselbe gehet alle Tage eben auch ohne Unterschied um 3 Uhr des Nachmittags zu Rüdesheim ab, und pashiert in der Rückreise die selben Ortschaften wie in der Herreise.

  3. Se. K. Gnaden erlassen gnädigst für den gegenwärtigen Herbst der neu errichteten Rheingauer Diligence das Chaushe- Steuer- und Brükengeld.

  4. Platz kann jedermann haben, so lang Plätze zu haben sind, jedoch in der Ordnung, als ein jeder sich darum meldet, und müßen zu diesem Ende gedrukten Scheine einem In den Anmeldenden zugestellt werden, in einem jeden Poste kann man aufsitzen, so lang nämlich noch Platz zu haben ist.

  5. Von einer jeden Stunde bezahlt jeder Pashagier 12 xr, und kann ein jeder Pashagier auf und absteigen, wo ihm beliebt. Doch soll jedes Amt genau bestimmen, wie viele Stunden von Orth zu Orth gerechnet werden.

  6. Über 50 p Gepäck darf kein Pashagier mit sich auf die Diligence nehmen und wenn der Pashagier selbst auf der Diligence ist, so wird nichts anher bezahlt, ist aber der Eigenthümer nicht dabei, so wird für dieses Gepäck bezahlt wie auf den Taxischen Posten.

  7. Auch können Briefe durch diese Diligence bestellt werden, und zwar nach dem Anschlage der Taxischen Posten, worüber des K. Vizedomamt zu Mainz den Ausschlag zu besorgen hätte.

  8. Bestimmt das Amt in einem jeden orte ein Wirthshaus wo die Diligence anfährt, welche die Briefe besorget, und für seine Bemühung nebst der Brieftaxe von einem jeden Briefe 1 xr erhält.

  9. Unter diesen Bedingungen wird dem Bürger und Lehnkutscher Dahlmüller gestattet, für die gegenwärtige Weinlesezeit diese Diligence zu halten, für das künftige Jahr wird nach dieser Erfahrung und weiters einkommenden Berichten ein Stabils Reglement getroffen.

  10. Das K. Vizedomamt Mainz, und die Aemter Eltvill und Rüdesheim machen diese Einrichtung bekannt durch das Intelligensblatt und Affigirung in den ortschaften wo die Diligence durchfährt.

An Niederwalluf zur ohnverweilten öfentlichen Bekanntmachung- und Affigirung. Eltville d 12ten Octb 1784

Kurftl Amt Infidem

B.J Gebhard

Amtsschreiber

publ. den 12ten Octb 1784, Henrich SchultheißQuellenverzeichnis:

Postgeschichte in Niederwalluf, in der Chronik "Niederwalluf 770 - 1970", Niederwalluf 1970

Der Rheingaukreis in den Jahren 1869-1890, Rüdesheim 1893

W. Kratz: Eltville - Baudenkmale und Geschichte, Eltville 1983

Unterlagen im Heimatarchiv Walluf

© Norbert Michel, April 1990

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