Schloss Waldthausen und der Lennebergwald

von Norbert Michel

Viele Spaziergänger am Rheinufer zu Niederwalluf bleiben stehen und genießen die Aussicht auf den Rhein, das gegenüberliegende Ufer und die waldbedeckten Höhen. Der ein oder andere macht sich Gedanken um was es sich bei dem Schlossähnlichen Gebäude auf der über Budenheim liegenden Anhöhe handelt. Die Vorstellungen reichen von "Sommersitz der Mainzer Kurfürsten" bis zur "alten Raubritterburg".

Keine dieser Vermutungen entspricht den Tatsachen. Der in Mainz als Rentner lebende Baron Martin Wilhelm von Waldthausen fasste im Jahre 1908 den Entschluß im Budenheimer Lennebergwald seinen Wohnsitz zu errichten. Er schrieb einen Wettbewerb aus. Von den eingereichten Entwürfen entsprach ihm der des Architekten Hans Bühling aus Pforzheim am meisten. Im gleichen Jahr kaufte Waldthausen von der Gemeinde Budenheim 944745 m² Waldfläche zum Gesamtpreis von 161316,43 Mark. Am 1. November 1908 wurde die in Finthen ansässige Firma Jakob Struth von Waldthausen damit beauftragt die Baustelle und verschiedene Wege durch das Aufstellen von Bretterzäunen abzusperren. Darauf hin erhob sich in der Öffentlichkeit ein Proteststurm. Eine Mainzer Druckerei gab sogar Postkarten heraus, die den vernagelten Wald mit Versen und Zeichnungen verspotteten. Am 15. Dezember 1908 erteilte das Großherzogliche Kreisamt die Bauerlaubnis, mit dem Fällen von Kiefern und dem Aushub der Fundamente wurde unverzüglich begonnen. Die Baupläne sahen neben dem Schloss mit Terrasse, Ziergarten und Fischweiher noch die Errichtung eines Pförtnerhauses, eines Maschinenhauses mit mechanischer Werkstätte, sowie mit Wohnungen für Kutscher und Maschinisten, sowie eine Waschküche, ein Stallgebäude und eine Wagenhalle vor.

Mehrere Gärtnereien waren nach Rodung des Geländes mit der Schaffung eines großen Parks beschäftigt. Ein als Wirtschaftsgebäude errichtetes Haus diente später dem Schlossgärtner und dem Schlossförster als Wohnung, heute befindet sich in diesem Teil des Geländes eine Reitschule. Mitte Januar 1910 war das Gebäude fertiggestellt und der Baron konnte mit seiner Frau und den drei Kindern das Schloss beziehen. Der im Volksmund "Kohlebaron" genannte Waldthausen erbaute seine Schlossartige Villa auch in einer gewissen Rivalität zu Kaiser Wilhelm II., als der das Hohenzollern-Schloss Posen errichten ließ. Um Wilhelm II. zu ärgern, gab von Waldthausen dem Architekten die Weisung, sein Bauwerk ähnlich dem des Schlosses an der Warthe zu konzipieren. Mit Beginn des 1. Weltkrieges verließ Waldthausen mit seiner Familie Deutschland. Bis zu seinem Tod am 21. September 1928 hat er seinen Budenheimer Besitz nie wieder betreten. Die Gründe warum er Deutschland verließ hängen mit seiner früheren Offizierslaufbahn zusammen. Waldthausen war Offizier des Mainzer, später nach Diedenhofen strafversetzten Husarenregimentes Nr. 13. Die Antipathie die er dem Kaiser gegenüber empfand, hat hier wohl auch ihre Ursache.

1919 wurden erstmals französische Truppen im Schloss einquartiert, die aber im gleichen Jahr die Anlage wieder räumten, nachdem die Schweiz um Beendigung der Belegung ersucht hatte. Baron Waldthausen war zwischenzeitlich Bürger des Fürstentums Liechtenstein geworden, welches außenpolitisch von der Schweiz vertreten wurde. 1941 verkaufte Klara Freiin von Waldthausen geb. Corte, die Witwe des Barons, Schloss, Nebengebäude und den größten Teil des Geländes an die NS-Volkswohlfahrt e.V. in Berlin. Während des 2. Weltkrieges waren kriegsgefährdete Mütter und Kinder hier untergebracht. Nach Kriegsende machte General Pierre Koenig, Oberkommandierender der in Deutschland stationierten französischen Streitkräfte das Schloss zum Sitz seines Stabes. Im inneren des Gebäudes wurde große bauliche Veränderungen vorgenommen. Für die aus Fremdenlegionären bestehende Leibwache des Generals wurde südlich des Pförtnerhauses eine Unterkunft errichtet. Das sich noch im Besitz der Erbengemeinschaft von Waldthausen befindliche Gelände wurde 1952 vom Zweckverband zur Erhaltung des Lennebergwaldes erworben. Seit 1949 fiel das Schloss in den Verwaltungsbereich des Bundesvermögensamtes. Nach dem Abzug der Franzosen wurde das Anwesen von der Bundeswehr als Nachschublager und zum Teil als Übungsgelände genutzt. 1980, noch während der Nutzung durch die Bundeswehr, wurde die Anlage an die Stadt Mainz verkauft. Das Schlossgebäude wurde unter Denkmalschutz gestellt.

Heute wird der Gesamtkomplex Schloss Waldthausen, nach vorbildlicher Wiederherstellung des sanierungsbedürftigen Schlosses, von der rheinland-pfälzischen Sparkassenorganisation als Sitz für ihre Sparkassenakademie genutzt. Die durchgeführten Bildungsveranstaltung können von bis zu 150 Personen, die hier auch untergebracht sind, besucht werden. Als Stätte der Begegnung veranstaltet die Akademie aber auch Ausstellungen, Lesungen und Konzerte die wie die weitläufigen Parkanlagen auch von der Öffentlichkeit besucht werden können.

Neben dem Schloss hat der Lennebergwald aber noch eine weitere Reihe von Sehenswürdigkeiten zu bieten. Viele Niederwallufer nutzten früher dieses Naherholungsgebiet direkt vor der Haustür. Nachdem man mit der Fähre nach Budenheim übergesetzt hatte, mußte man nur den Ort durchqueren, dann ging es den Berg hinauf durch die Feldgemarkung und schon war man im Wald.

Nicht weit vom Schloss entfernt steht der Lenneburgturm, der 1880 durch den Lennebergverein auf dem höchsten Punkt des Lenneberges als steinerner Aussichtsturm errichtet wurde. Vom Turm aus hat man bei klarem Wetter einen ausgezeichneten Fernblick über Mainz, den Rhein, in den Taunus. Der Lennebergverein wurde 1874 durch den Mainzer Professor Adam Allendorf gegründet. Der Verein errichtete die ersten Schutzhütten, sorgte für Wegemarkierungen und ließ Sitzbänke aufstellen. Der Turm und die danebenstehende Waldgaststätte waren für einen Sonntagsspaziergang ein populärer Anlaufpunkt. Nach Turmbesteigung, Kaffee und Kuchen ging es dann gemütlich zurück zur Fähre. Leider ist der Turm in letzter Zeit nicht mehr regelmäßig geöffnet. Die beliebte Gaststätte wurde vor einigen Jahren in einer Nacht- und Nebelaktion dem Erdboden gleichgemacht.

Am Rande des Lennebergwaldes, bereits in der Mombacher Gemarkung, befindet sich das Naturschutzgebiet "Großer Sand" (Mainzer Sandflora). Dieser Bereich, bis vor kurzem von den Amerikanern als Manövergelände genutzt, diente bereits vor dem 1. Weltkrieg der Mainzer Garnison als Manöver- und Exerziergebiet. Im Jahre 1909 begann hier der Mainzer Bürger Jakob Goedecker seine Flugversuche. Goedecker hatte in Niederwalluf die wenige Jahre zuvor errichtete Prinz-Heinrich-Werft gepachtet und hier seine "Flugzeugwerke Jakob Goedecker" untergebracht. Die Flugapparate wurden hier zusammengebaut, anschließend mit der Wallufer Neeh (Lastfährboot) über den Rhein nach Budenheim und von dort mit Fuhrwerken zum "Großen Sand" transportiert. Die Montage der Flugzeuge in Niederwalluf erfolgte übrigens durch ansässige Bootsbauer.

Wie bereits erwähnt, konnte man die Beziehungen zwischen Kaiser Wilhelm II. und Baron Martin von Waldthausen nicht gerade als freundschaftlich bezeichnen. Die Ursache dieser Verstimmung liegt hier im "Großen Sand". Bei einer Truppenbesichtigung anläßlich einer Kaiserparade im "Großen Sand" hatte Wilhelm II. einiges an der Schwadron eines Mainzer Husarenregimentes auszusetzen und erteilte dem Rittmeister der Schwadron einen öffentlichen Rüffel. Bei dem Rittmeister handelte es sich, wie zu vermuten, um den Baron Waldthausen. Waldthausen antwortete mit dem bekannten Zitat aus Goethes Götz von Berlichingen. Der Anklage der Majestätsbeleidigung entging Waldthausen durch seinen Umzug in die Schweiz. Erst 1908 zu den Vorbereitungen für seinen Schlossbau im Lennebergwald kehrte er nach Deutschland zurück.

In Fachkreisen international bekannt ist das Gebiet "Großer Sand" freilich aus einem anderen Grund. Durch Boden und Klima verursacht, konnte hier eine Steppenflora überleben die sich nach dem Ende letzten Eiszeit vor etwa 15000 Jahren entwickelte. Heute findet man Gebiete dieser Charakteristik erst wieder in den Steppen Sibiriens. Etwa 100 verschiedene Pflanzen, wie das gelbe Adonisröschen, die blaue Kreuzblume, blauer Enzian, verschiedene Orchideenarten und viele andere unter Naturschutz stehende und vom Aussterben bedroht finden sich hier auf engstem Raum.

Nicht weit vom "Großen Sand" entfernt befindet sich ein kleiner Tierpark der ausschließlich mit einheimischen Tierarten bestückt ist. Wenn Wetterlage und Tageszeit es zulassen, kann man hier wahre Scharen von Kindern mit ihren Eltern entlangspazieren sehen. Das Füttern der Tiere ist mit dem aus hier aufgestellten Automaten erhältlichen Futter erlaubt, was von den Kindern auch gerne und ausgiebig genutzt wird.

Wenige Meter vom Tierpark entfernt befindet sich die zu Gonsenheim gehörende "Vierzehn-Nothelfer-Kapelle", die bei heiratswilligen Menschen überaus beliebt ist.

An der Nothelferkapelle befindet sich übrigens auch der Startplatz der zahlreichen Jogger die den Lennebergwald zu ihrem Übungsgebiet erkoren haben. Die ausgeschilderten Rundwege erlauben dem Jogger hier auf weichem Waldboden Übungsstrecken bis zu einer Distanz von 20 Kilometern.

Nachdem man von der Gonsenheimer Nothelferkapelle aus die Autobahn überquert hat, erreicht man nach wenigen Metern, bereits wieder auf Budenheimer Gebiet, das Wendelinusheim mit den beiden, dem heiligen Wendelin geweihten, Wendelinuskapellen.

Das Wendelinusheim wurde um 1840 als Forsthaus "Ludigshöhe" an anderer Stelle erbaut. Etwa ab 1880 wurde dem hier wohnenden Förster der Ausschank von Getränken erlaubt. Als Ausflugslokal war das Forsthaus bei der Bevölkerung bekannt und beliebt. 1913 wurden Forsthaus und rund 50000 m² Acker und Wald an Baron Martin von Waldthausen verkauft. Das Forsthaus wurde abgerissen und neben der kleinen Wendelinuskapelle wieder aufgebaut. Seit 1930 befindet sich das Haus im Besitz des katholischen Jugendwerkes und steht erholungsbedürftigen Kindern zur Verfügung.

Die kleinere der Wendelinuskapellen wurde 1776 an Stelle einer Kapellenruine, die ebenfalls St. Wendelin geweiht war, errichtet. Die über dem Eingang eingemeißelte Jahreszahl 1814 bezieht sich auf eine Renovierung der Kapelle. Nach J. K. Laub, dem Budenheimer Historiker, wurde die Kapelle wegen einer unter dem Viehbestand grassierenden Maul- und Klauenseuche errichtet. Der heilige Wendelin gilt als Schutzpatron der Landwirte und Haustiere. So ganz verließ man sich aber nicht auf den Heiligen. Die Gemeinde Budenheim ließ nämlich 1777 größere Mengen von "Salpetersaltz, Alaun, sowie Pflaster" bei dem Niederwallufer Krämer Zoppi kaufen und als Vorbeugungsmittel gegen die Viehseuche verteilen.

Die größere der beiden Kapellen wurde von Budenheimer Bürgern errichtet und 1866 eingeweiht.

Am Rande des Lennebergwaldes befinden sich die Budenheimer Steinbrüche. Die Kalksteine die hier seit Jahrhunderten gebrochen wurden, sind in weitem Umkreis als Baumaterial nachgewiesen. Wie die Reste der in der Niederwallufer Gemarkung liegenden Ruine der um das Jahr 1000 errichteten Turmburg beweisen, dienten auch hier, wie bei der danebenliegenden Ruine der Johanniskirche, die Budenheimer Steine als Baumaterial. In Niederwalluf bildeten Fischerei, Fähre und Schiffahrt (nicht der Wein!) die Grundlage des Broterwerbes. In Budenheim waren bis zur Schließung die Steinbrüche der wichtigste Wirtschaftszweig. Viele Familien lebten über Generationen vom brechen und der anschließenden Weiterverarbeitung der Steine. Der Beruf der Kalkbrenner war in Budenheim weit verbreitet.

Heute gilt der zwischen Budenheim, Mombach, Gonsenheim, Finthen und Heidesheim gelegene Lennebergwald als wichtiges, und von der Bevölkerung auch in Anspruch genommenes Naherholungsgebiet. Auch von Niederwallufern wurde bis vor einigen Jahren der Sonntagsspaziergang gerne auf die andere Rheinseite verlegt. Heute ist das, völlig ungerechtfertigt, etwas anders geworden. Aber wie bereits erwähnt, finden sich im und um den Lennebergwald immer noch einige interessante Anziehungspunkte. Auch neue, wie das Budenheimer Waldschwimmbad, sind hinzukommen. Deshalb der Vorschlag, einfach mal wie früher mit der Fähre übersetzen und den Lennebergwald zu Fuß genießen!

Literaturhinweis:

Laub, J. K.: Historisches Heimatbuch Budenheim, Mainz 1977

"Sparkassenakademie Schloss Waldthausen", Broschüre

"Wanderführer Lenneberg" Werbe- und Verlagsgesellschaft m.b.H. Frankfurt 1960

Der Stammbaum der Familie von Walthausen - von Jörn Wellhausen

© 1995, 200 Norbert Michel Walluf

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