Köpenickiade in Niederwalluf

© Norbert Michel

Über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden ist der Berliner Stadtteil Köpenick (damals noch eine selbstständige Stadt vor den Toren Berlins) durch den Gaunerstreich eines falschen Hauptmannes Anfang des 20. Jahrhunderts.


Einem Bericht des "Berliner Lokal-Anzeigers" vom 17.Oktober 1906 ist folgendes zu entnehmen:


Des Schusters neue Kleider
Kriminalfall 1906: Die Köpenickiade oder wie Wilhelm Voigt die Obrigkeit narrt


"Ein Vorfall, wie er in der heimischen Verbrechergeschichte seinesgleichen sucht, hat sich am gestrigen Abend in dem benachbarten Köpenick zugetragen. Dort hat ein Gauner in der Maske eines Garde-Offiziers mit Hilfe einer Abteilung Soldaten, die er durch eine gefälschte Kabinettsorder täuschte, den Bürgermeister und den Stadt-Rendanten im Rathaus verhaftet, beide unter militärischer Bewachung nach Berlin transportieren lassen und dann die Stadtkasse, in der sich etwas über 4 000 Mark in bar befanden, ausgeraubt. Polizei und Gendarmerie sind in fieberhafter Tätigkeit, des Gauners, der mit seinem Raube unangefochten entkam, habhaft zu werden."


Um diesen Streich auszuführen, hatte der vorbestrafte Schuster Wilhelm Voigt, der viele Jahre seines Lebens hinter Gittern zubrachte, bei einem Potsdamer Trödler die Uniform eines kaiserlichen Offiziers des Garderegiments gekauft und Soldaten von der Straße zu seinen Diensten befohlen.


Ganz Deutschland lachte über den Mann, der mit seinem Gaunerstückchen die Uniform-Gläubigkeit der Zeit für seine Zwecke nutzte.


Der Schriftsteller Carl Zuckmayer belebte das Husarenstück neu. Sein "deutsches Märchen" vom "Hauptmann von Köpenick" wird am 5. März 1931 in Berlin uraufgeführt.


Wie man inzwischen weiß, amüsierte sich Kaiser Wilhelm II. köstlich, als er von diesem Vorfall erfuhr. Wurde ihm doch dadurch bestätigt, dass Uniformträger im Deutschland der Kaiserzeit vorbehaltlos respektiert wurden und als Autoritäts-personen galten.


Der Leser dieser Zeilen wird sich jetzt aber fragen, was hat denn das ganze mit der Geschichte Niederwallufs zu tun. Nun, solche in der Öffentlichkeit heiß diskutierten Vorfälle lieferten Nachahmern die Ideen für ihre eigenen Schandtaten, so auch in Niederwalluf.


Dem Niederwallufer Urkundenbuch zur Gemeinderechnug 1911 ist zu entnehmen, dass "der Eisenbahngehilfe Lauter, in Niederwalluf wohnhaft, am 29. Januar 1908, zwischen 10 und 11 Uhr dem Nachtwächter Rühl, mit Helm, Dienstmantel und Artilleriedegen bekleidet in strammer befehlerischer Weise den Vorgesetzten markierend gegenüber getreten mit den Worten "wie viel haben Sie eben gepfiffen?".


In derselben Ausrüstung hat er in derselben Nacht an der verschlossenen Tür der Behausung des Friseurs Harzer geklopft und in befehlerischem Tone sofortigen Einlaß begehrt"


Auf Grund dieser Vorfälle wurde in einer amtlichen Verhandlung am 16. März 1911 dem Eisenbahngehilfen Lauter eine Geldstrafe von 9 Mark, ersatzweise eine Haftstrafe von 3 Tagen auferlegt.

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