Die Niederwallufer Schultheisenfamilie Kirn

Erstveröffentlichung in "Beiträge zur Wallufer Ortsgeschichte" Heft 1, 1993

© Norbert Michel

In der Südwand der Katholischen Kirche zu Niederwalluf befindet sich ein Epitaph aus schwarzem Marmor. Die Inschrift in lateinischer Sprache lautet in der Übersetzung wie folgt:

" In diesem Gotteshaus ruht der edelgeborene und berühmte Herr D. Petrus Kirn, 55 Jahre war er Vorsteher von Walluf, das er regierte und förderte, bis er als Neunzigjähriger abberufen wurde zur Krönung am 7. Oktober 1741.

Er lebte fromm vor Gott, gerecht seinem Nächsten gegenüber und anspruchslos an sich selbst. Durch mahnende Worte und durch sein Beispiel hat er die Frömmigkeit gefestigt, den Tempel hat er um ein Drittel erweitert, er stiftete die Vereinigung vom heiligen Josef und war der freigebige Gründer der Frühmesserei, ein lauterer Mann, allen gegenüber gleich gerecht, keinem hörig, ein treuer und gerechter Verwalter der öffentlichen Gelder, er ließ ein neues Rathaus erbauen.

Um die Bürger und die Armen sorgte er sich väterlich wie für seine Kinder, die er aus der Ehe mit seiner ausgezeichneten Gattin hatte, der geborenen Anne Margaritha Bauer. Sie wurde ihm allzu früh entrissen am 14. Oktober 1714.

Zur letzten Ehre für das Elternpaar, das im gleichen Grab vereinigt ist, hat die dankbare Nachkommenschaft der Kinder dieses Denkmal ihrer kindlichen Liebe erstellt. "

Soweit der Text des Epitaph.

Peter Kirn entstammte einer Familie, die wahrscheinlich schon um 1550 in Niederwalluf ansässig war. Sein Großvater Johannes Kirn war um 1635 Niederwallufer Oberschultheiß. Er wurde im Chor der Katholischen Kirche begraben.

Zwei seiner Söhne sind namentlich bekannt:

Christian, gestorben 1703 war Mittelamts-Oberschultheiß in Oestrich. Sein 1665 geborener Sohn Johann Heinrich wurde als Pater Bernardus ein bekannter Baumeister. Er er erbaute unter anderem den Draiser Hof in Erbach und Teile des Klosters Arnsburg. Auch im Kloster Eberbach, seinem Heimatkloster, war er an verschiedenen Baumaßnahmen beteiligt.

Anton, der zweite Sohn des Johannes Kirn wurde 1617 geboren. Er war von 1642 - 1665 Unterschultheiß und von 1665 - 1686 Oberschultheiß von Niederwalluf. Er wurde ebenfalls in der Niederwallufer Pfarrkirche begraben.

Nachtrag: Johannes Müller, Einwohner auf dem Steinheimer Hof, und seine Frau Barbara, Witwe des Oberwallufer Schultheißen Bleidenstadt, lassen 1633 in Neudorf (Martinsthal ihren Sohn Jean Nicolaus taufen. Taufpate ist Jean Nicolaus Kirn, Bürger zu Niederwalluf. Wahrscheinlich ist Jean Nicolaus ein Sohn oder Bruder des Anton Kirn.

Das Vermögen des Niederwallufer Oberschultheisen Anton Kirn wird in einer Steuerliste des Jahres 1662 mit 2152 Gulden angegeben. Das Vermögen des Bürgers Hans Baumann, als zweitreichster Niederwallufer, wird dagegen nur auf 751 Gulden veranschlagt. Ein Großteil der Steuerzahler hat ein zu versteuerndes Vermögen unter 200 Gulden. Es stellt sich also die Frage wie kam die Familie Kirn zu einem solch verhältnismäßig großem Vermögen.

Eine wichtige Einnahmequelle stellte sicher der Weinhandel dar. Peter Kirn wird zwischen 1684 und 1714 mehrmals als Handelspartner von Weinhändlern, unter anderem aus Amsterdam, Dortrecht, Braunschweig und Frankurt, genannt. Zwei weitere Mitglieder der Familie (Johannes und Melchior Kirn) waren um 1690 Besitzer der Niederwallufer Gasthäuser "Zum goldenen Engel" und "Zum Schwanen".

Niederwallufer Steuerkataster beweisen das sich große Flächen an Weinbergen und Feldern im Besitz der Familie befanden.

Das nicht immer alles mit rechten Mitteln zuging, beweist folgender Vorfall, den W. H. Struck in seiner "Sozialgeschichte des Rheingaus im 17. und 18. Jahrhundert" schildert: Nach der Mainzer Kaufhausordnung von 1663 mußten alle rheinaufwärts über Köln herangeführten Güter in Mainz oder Bingen ausgeladen werden. 1682 kam die Hofkammer einer verbreiteten Verletzung des Mainzer Stapelrechts und der Kaufhausordnung auf die Spur. Die Nachforschungen ergaben, daß zumindest während der letzten drei Jahre in allen Ufergemeinden des Rheingaus und sogar in Johannisberg und Hallgarten mit Kölner Schiffen unmittelbar Handel getrieben worden war. Gegen heimliche Hingabe von Wein hatten einzelne Krämer und besonders der als Weinhändler tätige Schultheiß Anton Kirn von Niederwalluf von kölnischen Schiffen Heringe und Stockfisch, Salz Käse, Tran, Baumöl, Pfeffer und Seide in erheblichen Mengen, ja auch ein Faß mit Strümpfen, Band, Handschuhen und Hüten bezogen

Das sich die Familie nicht unter ihrem Stand verheiratete, zeigt unter anderem die Hochzeit des Kilian Kirn 1685. Er heiratete die Tochter des Winkeler Gerichtsgeschworenen Johannes Baur. Anna Kunigunda, Tochter des Anton Kirn, ging noch einen Schritt weiter, Johann Melchior Götz, den sie 1688 heiratete, wurde 1699 kurmainzischer Landschreiber des Rheingaus.

Über die Amtszeit des Peter Kirn -Sohn von Anton Kirn- als Niederwallufer Oberschultheiß befindet sich im Heimatarchiv Walluf ein Schriftstück mit folgender Überschrift:

" Verzeichnis was wehrendem Meines beschwerlichen und mühsamenen Schultheißen Dienst ist Verordnet worden .

.... folgendes ist durch meine Verordnung Erbauet und verbessert worde ahn einige extra ahnlag ".

Bei der Treppe handelt es sich um die Treppe welche von außen zur Empore führte. Auf alten Fotografien ist diese Treppe noch zu sehen.

Weiter ist in der Urkunde vermerkt, daß Peter Kirn der Urheber der Frühmesse ist, wozu er und seine Geschwister 200 Gulden an barem Geld gegeben haben. Später gab Peter Kirn nochmals 400 Gulden.

Peter Kirn starb am 7. Oktober 1741 im Alter von 90 Jahren. Er war viermal verheiratet. Aus diesen vier Ehen sind 14 Kinder bekannt. Einige dieser Kinder stiegen im Laufe ihres Lebens in hohe Positionen auf. Johannes Christoph, geboren 1694, wurde Proffesor an der Universität Würzburg, der 1701 geborene Johannes Melchior wurde Kaufmann und Ratsherr in Mainz.

Die nachfolgende Generation verließ Niederwalluf, die letzten der im Besitz der Familie gebliebenen Gebäude wurden 1789 verkauft. Es waren dies das heutige Haus Hauptstraße 32 und das vor einigen Jahren abgerissene Chamot-Haus (Millionen-Maier) in der Rheinstraße.

Heute erinnert, von den Inschriften in der Kirche abgesehen, nichts mehr an diese für Niederwalluf einst bedeutende Familie.

Aufgestellt nach Unterlagen aus dem Heimatarchiv Walluf und nach Arbeiten aus dem Nachlass des Heimatforschers Hermann Göbel

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