Die Niederwallufer Kirchenbücher

Als Genealoge und ehrenamtlicher Heimatarchivar der Gemeinde Walluf besitzen die katholischen Kirchenbücher für mich natürlich einen hohen Stellenwert. Als ich zu Beginn meiner Forschungen zum erstenmal in dem für Niederwalluf zuständigen Kirchenbucharchiv in Limburg/Lahn tätig wurde, musste ich leider feststellen, dass von den Niederwallufer Kirchenbüchern eines verschwunden war.

Die Niederwallufer Kirchenbücher beginnen 1678. Ausgerechnet das älteste Buch, welches den Zeitraum 1678 bis 1726 abdeckt, war laut Auskunft der Archivverwaltung seinerzeit, als die Kirchenbücher des Bistums Limburg zentralisiert wurden nicht auffindbar und "werde im Pfarrhaus noch gesucht".

Das ich daraufhin eigene Nachforschungen anstellte, dürfte selbstverständlich sein, denn viele meiner Vorfahren stammen aus Niederwalluf. Gerade in dieser Zeit wurden viele, auch heute noch in Niederwalluf vorkommende Familien hier seßhaft. Im Pfarrhaus zu Niederwalluf erklärte man mir, das die Suche erfolglos geblieben war und man leider nicht wisse, wo das Buch abgeblieben sein könnte.

Bei meinen weiteren Nachforschungen erfuhr ich von einem älteren Forscherfreund, daß sich in den sechziger Jahren das Buch noch im Pfarramt Niederwalluf befand. Er habe selbst das Buch in Händen gehabt. Pfarrer Anders, der in jenen Jahren in Niederwalluf tätig war, war inzwischen verstorben, aber seine Haushälterin lebte noch. Als ich bei ihr nachfragte, erklärte sie mir, genaues wisse sie auch nicht, aber vermutlich sei das Buch bei einem Einbruch in das Pfarrhaus, um 1970, verschwunden.

Weil dies ja alles auf Vermutungen beruhte, forschte ich bei allen möglichen Gelegenheiten weiter nach dem Verbleib des Buches, ohne Erfolg.

Jeder kann sich meine Aufregung vorstellen, als der Wiesbadener Forscherfreund Hermann Nobel Anfang April 2000 mich informierte, dass Tobias A. Kemper in der Newsgroups "maus.wissenschaft.genealogie" berichtete, dass im Mai in einem Auktionshaus im Taunus das Niederwallufer Kirchenbuch unter den Hammer komme. Im Auktionskatalog wurde das Buch folgendermaßen vorgestellt:

> Kirchenbuch Niederwalluf
> Lot 1754, Est. 800,- DM
> Niederwalluf. - Kirchenbuch. Lateinische Handschrift auf Papier. 1678-1726.
> Kl.-4to. Blattgr. ca. 19:15 cm, Schriftspiegel meist nur wenig kleiner.
> Kursive in schwarzbrauner Tinte von mehreren Händen. 148 nn. Bll. (insges.
> 19 w.). Goldgepr. Ldr. d. Zt. mit Goldschn.; spröde, rissig u. mit wenigen
> kl. Wurmgängen, vor allem Rückdeckel mit Kratzspuren, an Kopf u. Fuß ein- u.
> ausgerissen, Ecken stark bestoßen, Vergold. anoxidiert, fehlen die
> Bindebänder.

> Kirchenbuch der Gemeinde Niederwalluf für 1678-1726. Ursprünglich 1654 als
> Büchlein, das die "Namen derer heren welche zur zeit Ihres lebens zum baum
> der zu kirchen Niederwalluff geben haben" gedacht, dann aber ab 1678 im
> wesentlichen als Tauf-, Heirats- u. Sterberegister verwendet, begonnen durch
> P. Fridericus Steil. - Etwas stock-, finger- od. tintenfleckig. Vor allem
> Blattränder etwas gebräunt u. angestaubt. Namen der drei Register von einem
> späteren Benutzer blau (in Tinte u. Kopierstift) unterstrichen.

Wie alle anderen Genealogen, die darüber informiert waren, war ich entsetzt, dass das Buch auf diesem Weg unwiderruflich verschwinden könne. Inzwischen hatte ich mit der Niederwallufer Zivil- und Kirchengemeinde gesprochen, wie das Buch am besten nach Niederwalluf zurück zu holen sei und erfuhr dabei, dass auch Tobias Kemper inzwischen aktiv geworden war und den Pfarrer informiert hatte. Ihm sei auf diesem Weg nochmals für seinen Einsatz gedankt.

Welche Vermutungen man auch anstellt und wie immer man auch die Eigentümerrechte wertet, dass Bistum Limburg, vertreten durch den gebürtigen Niederwallufer Rechtsanwalt Gerhard Hammer sorgte dafür, dass das Buch dahin zurück kehrte, wo es auch hingehört, nämlich in das Kirchenbucharchiv des Bistums Limburg, wo es auch gleich verfilmt wurde und so wieder der Allgemeinheit zugänglich ist.

Immer wieder kommt es vor, dass genealogisch bedeutsame Archivalien, z.B. Kirchenbücher und andere kirchliche Archivalien auf Flohmärkten oder im Internet (eBay) zum Verkauf angeboten werden. Fast immer handelt es sich dabei um Archivalien, die den Kirchengemeinden oder den Archiven entwendet wurden.

Einmal verkauft, sind die Archivalien in der Regel für die genealogische Forschung verloren. Seriöse Familienforscher sollten deshalb ein Interesse an der Verhinderung derartiger Machenschaften haben. Wie man sich verhält, wenn man auf solche Archivalien stößt, darüber findet man Informationen bei GenWicki, einem Projekt des Vereins für Computergenealogie.

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Erstellt 14.02.2001, letzte Aktualisierung 10.03.2007
© Norbert Michel