Der Begleittext zu den Stichen von G. Franz lautet:

"Nieder=Walluf, an der Waldava, einem Bach, der ehedem die Grenze des "Gebücks" bildete, jener einst bis Lorch reichenden mit Gräben geschützten Vertheidigungslinie, durch welche die Rheingauer Burgen, Städte und Dörfer sich gegen äußere Angriffe zu schützen suchten. Denn der Rheingauer erhielt sich seine Unabhängigkeit, er ward Niemanden hörig und selbst die Rittergeschlechter wußten sich klüglich mit ihm auf guten Fuße zu erhalten. Traulich zur Ruhe und Behaglichkeit ladend, streckt sich das Städtchen unterhalb seiner Rebhügel unmittelbar am Ufer, an dem sich die gastlichen, stets besuchten und schattigen Gärten des Bürgermeisters (Anm. damit sind die Anlagen des heutigen Hotels Schwan gemeint) und der des Fürsten Wittgenstein entlang ziehen. Einen echt mittelalterlichen Anblick gewährt die Stadt. Wie eng der Raum, auf der kleinen Werft ist`s immer lebendig und ebenso in der kleinen Schiffskneipe mit ihrer barocken Physiognomie. Der Strand ist an Sommer=Nachmittagen stets mit wassersüchtigen, rheinfahrtlustigen Gästen bedeckt, die im Nachen die vorüberziehenden oder an der Brücke landenden Dampfer umschaukeln, während in den schattigen Laubgängen der Gärten der Bürgermeister Hofmann selbst den "Wallufer" servirt."

Quelle: Rheinfahrt - Von den Quellen des Rheins bis zum Meere, Schilderungen von Karl Stieler, H. Wachenhausen, F.W. Hackländer, erschienen 1875 im Verlag von A. Kröner, Stuttgart

Einiges zur Geschichte der "Schifferkneipe":

Die abgebildete Schifferkneipe ist identisch mit dem bereits 1711 erwähnten Gasthaus "Zum goldenen Anker", als damaliger Besitzer wird Martin Dotzheimer, Spross einer in Niederwalluf, Oberwalluf, Martinsthal und Schierstein vorkommenden Familie, genannt. Im
18. Jahrhundert zählte die Familie Dotzheimer zur Niederwallufer Oberschicht. Ein Martin Dotzheimer wird ab 1752 als Besitzer des "Goldenen Engel" in der Rheinstraße erwähnt.


Das früher an Stelle des heutigen Hauses Kirchgasse 18 stehende Gasthaus "Zum goldenen Anker" wird erstmals 1711 mit Martin Dotzheimer als Besitzer genannt. Aber bereits 1713 erscheint Martin Henrich als Ankerwirt.Wahrscheinlich war er nur Pächter, denn für 1717 ist ein Haustausch zwischen Martin Dotzheimer und Martin Henrich belegt.

In Einquartierungsrechnungen wird 1725 als Ankerwirt noch Martin Henrich genannt, 1744 erscheint ein neuer Name: Anton Koch. In einem Protokollbuch aus dem Jahre 1750 ist die Rede von der Ankerwirtin "Antoni Kochs Wittib", die ihre Schildgerechtigkeit laut Quittung am 21. August 1746 mit 6 Gulden 40 Kreuzer renovieren lässt. Eine Liste der Niederwallufer Neubürger sagt aus, daß 1755 der aus Böhmen gebürtige Joseph Geldner und dessen "Ehelige Hausfrauw" Margaretha, welche aus Niederwalluf stammt, 4 Gulden Einzugsgeld entrichtet haben. Joseph Geldner wird ab 1757 als Ankerwirt genannt.

In einem Protokollbuchbuch des Jahres 1776 werden 6 Schildgerechtigkeiten in Niederwalluf aufgelistet, darunter befindet sich der Ankerwirt Joseph Geldner. Im Flur- und Lagerbuch des Jahres 1773 findet sich unter der Nummer 108 der folgende Eintrag: Ein Wohnhaus am Rhein samt Garten und der Schildgerechtigkeit zum goldenen Anker genannt, Eigentümer:
Joseph Geldner. Ein Schriftstück von 1777 sagt aus,daß die Ankerwirtin Geldner der hohen Dom Praesens jährlich 1 1/2 Gulden Zins schuldig ist.


Nach einer Einbürgerungsliste werden 1777 der aus Harheim (bei Frankfurt) stammende Philipp Göbel und seine Ehefrau Anna Maria die aus Niederwalluf stammt, als Neubürger aufgenommen.Die Ehefrau Anna Maria ist die Tochter der verwitweten Ankerwirtin Koch, sie stirbt 1795. Göbel heiratet in zweiter Ehe Magdalena,die Tochter des Niederwallufer Schmiedemeisters Johann Baptist Mohr. Göbel wird 1809 und 1822 als Ankerwirt erwähnt, er stirbt 1826 im Alter von 80 Jahren.

Zwischen 1838 und 1863 befindet sich die Schildgerechtigkeit "Zum goldenen Anker" in Händen des Metzgers und Gastwirtes Johann Lang. 1867 wird als Eigentümer die Witwe Lang mit ihren 3 Kindern Katharina, Magdalena und Barbara genannt.

Das Lagerbuch 1876 nennt als Eigentümer diedie Witwe des Mathias Keppel, Katharina geb. Lang, modo Heinrich Bott und dessen Ehefrau Rosina geb. König.

Aus dem Jahre 1877 liegt ein Bauantrag des Heinrich Bott und Comp. vor, darin heißt es u.a.:"... haben hier den alten Anker gekauft und wollen an dessen Stelle ein neues Haus errichten".

Ab 1884 befindet sich in dem neu errichteten Haus die "Private Heilanstalt für Chronischkranke (hauptsächlich Nervenkranke)". Besitzer war Dr. med. Loh, der 1896 die Anstalt an Dr. med. G.Hirte verkaufte. Unter Dr. Hirte war das "Sanatorium für Nervenkranke und Erholungsbedürftige" bis in oder kurz nach dem 1. Weltkrieg geöffnet. Anschließend stand das Haus längere Zeit leer, bevor es von den Chemischen Werken Brockhues AG gekauft wurde. Die "Schwarzfabrik" baute das Haus innen um und errichtete Wohnungen für Werksangehörige.

1970 erwarb Otto Mohr das Anwesen, im dazugehörenden Garten ließ er ein großes Wohnhaus errichten.

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©Norbert Michel 2006